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„Wirfst Du noch weg? Oder reparierst Du schon?“

Bildunterschrift: Christian Simon (links) und Andreas Boos wollen in Wadern ein Repair-Café eröffnen und so an einer Alternative basteln an einer Alternative zur Wegwerfgesellschaft. Foto: Erich Brücker
Christian Simon (links) und Andreas Boos wollen in Wadern ein Repair-Café eröffnen und so an einer Alternative basteln an einer Alternative zur Wegwerfgesellschaft. Foto: Erich Brücker - (Bild 1 von 1)

Wadern. Im Norden des Saarlands soll bald ein Ort entstehen, der im Alltag vieler längst fehlt: eine Anlaufstelle, wenn der Toaster streikt, das Kinder-Spielzeug plötzlich keinen Mucks mehr macht oder das Fahrradlicht nur noch flackert. Christian Simon (61), früher Umweltingenieur und heute im vorgezogenen Ruhestand, und Andreas Boos, ­Elektroingenieur und ebenfalls Rentner, wollen in Wadern ein Repair-Café aufbauen.

Für Simon ist die Idee eng mit seiner ehrenamtlichen Arbeit als Umwelt- und Naturschutzbeauftragter der Stadt verknüpft. Er erlebt seit Jahren, wie schnell Dinge aussortiert werden, obwohl oft nur eine Kleinigkeit kaputt ist. Boos bringt die technische Perspektive mit und die Erfahrung aus einem Berufsleben, in dem Reparieren, Prüfen und systematisches Fehlersuchen zum Alltag gehörten.

„Wegwerf-Wüste“ rund um Wadern

Beide sagen: „Es geht ihnen nicht um Nostalgie, sondern um etwas sehr Praktisches.“

Wer schon einmal versucht hat, im Hochwald „mal eben“ eine Kleinreparatur machen zu lassen, weiß, wie dünn das Angebot geworden ist. Boos spricht von einer „Wegwerf-Wüste“ rund um Wadern – ausgerechnet in einer Region, in der viele Wege ohnehin ins Mittelzentrum führen, weil man dort einkauft, Termine erledigt oder Besorgungen macht.

Genau daran knüpft das Projekt an: Der Besuch im Repair-Café soll sich unkompliziert in den Alltag einfügen lassen. Die Stadtverwaltung unterstützt das Vorhaben und stellt dafür Räume in einem zentral gelegenen Gebäude im Sinnespfad 18 zur Verfügung. Und weil in diesem mit dem Café Courage bereits ein Treffpunkt existiert, soll ein kleines Netz entstehen, das mehr kann als nur Schrauben und Löten: Begegnung ermöglichen, ins Gespräch kommen, voneinander lernen, sich gegenseitig (unter-)stützen.

Im Repair-Café selbst setzen Simon und Boos auf eine Atmos­phäre ohne Werkstatt-Stress – freundlich, ruhig, ohne Leistungsdruck.

Wer kommt, soll entweder etwas reparieren lassen oder, wenn er möchte, gemeinsam mit erfahrenen Helfern Hand anlegen. Es gibt aber noch einen zweiten, wichtigen Aspekt: Es geht nicht nur darum, dass am Ende ein Gerät wieder funktioniert, sondern auch darum, dass Menschen merken, was sie selbst können und wie viel sich mit etwas Anleitung, dem richtigen Werkzeug und ein bisschen Geduld retten lässt. Gleichzeitig ziehen sie bewusst Grenzen: Man wolle lokalen Betrieben keine Aufträge wegnehmen, sondern dort helfen, wo kleine Defekte sonst schnell zum Totalschaden erklärt werden, weil Aufwand und Anfahrt in keinem Verhältnis stehen. Deshalb soll es vor allem um kleinere Elektrogeräte, Fahrräder, Roller, Spielzeug, Möbel und Alltagsgegenstände aus Holz gehen, also um das, was sich in vielen Haushalten stapelt, wenn „eigentlich nur“ etwas klemmt oder wackelt.

Starten möchten sie noch im ersten Halbjahr 2026. Geplant ist ein halbtägiger Öffnungstermin am Nachmittag, zunächst alle zwei Wochen.

Weniger Müll, weniger Ressourcenverbrauch

Das Angebot soll grundsätzlich kostenfrei sein. Kaffee oder ein Stück Kuchen inklusive sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Bezahlt werden müssen nur Ersatzteile, falls welche nötig sind und selbst da setzen die Initiatoren auf Fairness und Augenmaß. Die Gäste entscheiden, welcher Betrag für das Teil angemessen ist. Spenden sind willkommen, aber keine Bedingung. Wichtig ist ihnen außerdem, dass die Gegenstände jederzeit Eigentum der Besucher bleiben und niemand etwas abgeben muss, sondern es mitbringt und im besten Fall repariert, wieder mit nach Hause nehmen kann.

Ob das Repair-Café wirklich trägt, hängt für Simon und Boos am Ende an den Menschen vor Ort. Sie brauchen (viele) Mitstreiter, nicht nur klassische Handwerker, sondern auch Leute, die organisieren können, beim Auf- und Abbau helfen, Gäste betreuen oder einfach den Laden am Laufen halten. Wenn das gelingt, hoffen sie auf einen Effekt, der über die einzelne Reparatur hinausgeht: weniger Müll, weniger Ressourcenverbrauch – und vielleicht bei dem einen oder der anderen dieser Moment, in dem aus „weg damit“ wieder „komm, wir schauen erst mal“ wird. Getreu dem Motto der beiden Initiatoren: „Wirfst Du noch weg? Oder reparierst Du schon?“ jb

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