Eindrucksvoll und erschreckend

Ex-Neonazi Manuel Bauer beim Vortrag in der Martin-Luther-King Schule ­Saarlouis. Foto: Landkreis Saarlouis / David Nicola Schmitt.
Ex-Neonazi Manuel Bauer beim Vortrag in der Martin-Luther-King Schule ­Saarlouis. Foto: Landkreis Saarlouis / David Nicola Schmitt. - (Bild 1 von 1)

Saarlouis. „Ich bin hier, um Klartext zu reden“, so begrüßte der Neonazi-Aussteiger Manuel Bauer kürzlich die Neuntklässler der Martin-Luther-King Schule Saarlouis zu einem Vortrag. Er war auf Initiative des Landkreises Saarlouis eingeladen worden, an insgesamt sieben Landkreisschulen über seine dunkle Vergangenheit zu berichten. Auch weil ihn sein schlechtes Gewissen bis heute verfolge, versucht er, jungen Menschen die Gefahren des Rechtsextremismus näher zu bringen: „So kann ich Negatives in Positives umwenden.“

Eindrucksvoll und gleichzeitig erschreckend waren seine Erzählungen über die Kindheit in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), dem Verfall vertrauter Strukturen nach der Wende sowie seiner langsamen Verstrickung in rechtsextremes Gedankengut. Insbesondere die militärische Früherziehung in der DDR habe dabei eine entscheidende Rolle gespielt, sagte er.

„Wir haben im Matheunterricht nicht nur mit Birnen und Äpfeln, sondern auch mit Panzern und Soldaten gerechnet“, so Bauer, der im Rahmen seiner Präsentation auch entsprechend bebilderte Seiten aus dem Mathematikbuch zeigte.

Aus der eigenen Perspektivlosigkeit sei der Fremdenhass entsprungen. Ihm zufolge waren die Rekrutierungsmittel der Neonazis niedrigschwellig: Dabei betonte er die Bedeutung von rechtsextremer Musik und beschrieb das Abdriften seines gesamten Freundeskreises in die Szene. Zunächst wurde er indoktriniert, später bildete er selbst Neulinge aus und begründete rechtsextreme Gruppen mit.

Paradox war laut Bauer, dass er in Kindheitstagen einen angeheirateten Onkel aus Mosambik sehr verehrte und ihn damals auch gerne in einer Unterkunft für Geflüchtete besuchen ging. „Später standen wir mit Molotow-Cocktails davor“, so der Ex-Neonazi. Seine Familie habe indes Abstand vom Rechtsextremismus ihres Sohnes gehalten. Der erste Glatzenschnitt sei von seinen Eltern mit einem „Haste dir das Hirn wegrasiert?“ kommentiert worden.

Nach einigen schweren Straftaten, die er gemeinsam mit ­seinen „Glatzen“ durchgeführt hatte, kam Bauer für zwei Jahre und zehn Monate ins ­Gefängnis.

Laut eigener Einschätzung war die Dauer der Strafe ungerechtfertigt kurz – aber „dank guter Vernetzung“ sei sie so ausgefallen. Hinter Gittern habe er dann erstmalig von der Organisation Exit-Deutschland gehört und ein Beratungsangebot angenommen – zunächst aus Opportunismus; letztendlich war es aber dann doch sein Ticket, um aus der Szene herauszukommen. Später habe er dann erkannt, was er aufgrund seiner Vorurteile „für eine Scheiße gebaut“ und was er verpasst habe: Er erzählte vom ersten Döner, der „verdammt gut geschmeckt“ habe. Von ausländischen Freunden, die er über die Jahre kennengelernt hat. Und zuletzt: Vom Wiedersehen mit seinem Onkel aus Mosambik.

Nun hält er Vorträge, um junge Menschen vor den Gefahren des Rechtsextremismus zu warnen. Seiner Erfahrung nach lauern die Gefahren und auch alte Gesichter aus der Neonaziszene überall. Er selbst lebe aktuell an einem Ort, den er geheim hält, da er sowohl von rechts- als auch linksextremen Gruppierungen gesucht werde. Gleichzeitig sei die Öffentlichkeit aber auch ein Schutzfaktor.

Bezugnehmend auf den Beginn seiner Präsentation schloss er mit den Worten: „Ich möchte mich dafür entschuldigen, was ich damals gemacht habe, aber nicht dafür, dass ich heute Klartext gesprochen habe“. red./jb

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