Zwei tiernärrische Idealisten

Ingmar Meth und Janne Bach kümmern sich auf dem Gnaden-Erlebnishof um gestrandete Tiere

Gerhardsbrunn. Besucher auf dem Gnadenhof in Gerhardsbrunn werden von Ouzo und der kleinen Hündin Ella freudig begrüßt. Beide Hunde strahlen eine spürbare Lebensfreude aus, obwohl Ouzo nur drei Beine hat und auch Ella in einer Fehlstellung beide Hinterläufe arrangieren muss. „Angefangen hat es eigentlich mit den Katzen“, erinnert sich Janne Rainer Bach (21) an den Ursprung im vergangenen Jahr. Sein Chef und Freund, Tierarzt Ingmar Meth (40) aus Homburg, hatte den Hof im Herzen des Dorfes Gerhardsbrunn als Domizil erworben.

Schnell stellte er fest: „Das Anwesen hat so viel mehr Kapazität. Damit lässt sich wirklich auch etwas Gutes tun.“ Was lag näher, als sich notleidenden Tieren zu widmen. „Mit ihnen verdienen wir unser Geld, wir haben die Kompetenz und wir wollten ihnen etwas zurück geben“, fasst der Tiermedizinische Fachangestellte, der seit zwei Jahren ebenfalls auf dem Hof wohnt, die Motivation zusammen. Mit viel Herz und Leidenschaft erwuchs daraus mittlerweile ein vielfältiger Erlebnishof.

Viele Tierarten

Zunächst wurden alle weitaus mehr als 70 Katzen des 120-Einwohner-Dorfes kastriert, damit sie sich nicht weiter vermehren, alle Katzenbabys aufgezogen und in liebevolle Hände vermittelt. Für dieses Projekt, das selbst ohne Tierarztkosten ins Geld geht, entsteht jetzt eine Katzenpension, in der rund 30 Urlaubskatzen in Einzel- und Gruppenzimmern liebevoll umsorgt, bei der Finanzierung des Gnadenhofs helfen können. Nächste Tierart waren zehn Milchlämmer, die mit Biestmilch vom benachbarten Bauernhof Guth aufgepäppelt und groß gezogen wurden. „Wer hier Einzug gehalten hat, bleibt auch hier. Es sei denn, es gibt gravierende Gründe“, heißt das Motto auf dem Erlebnishof.

Ein möglicher Grund ist die „Singlebörse“ für Hasen und Meerschweinchen. Stirbt ein Gefährte oder muss in der Praxis eingeschläfert werden, wird der „verwitwete“ Hase aufgenommen und gerne zu allein stehenden Hasen weiter vermittelt. „Hasen und Meerschweinchen als Single zu halten ist Tierquälerei“, betont Janne Rainer Bach. Allerdings sei dies bei dem meisten Tierarten der Fall. Zum Glück bieten sowohl die Gebäude als auch die hofeigenen sowie angepachteten Weidenflächen von insgesamt zehn Hektar ausreichend Möglichkeiten für die Tierhaltung.

Auch vier Waschbären

Je sechs Pferde und sechs Esel wohnen mittlerweile hier, ebenso wie zwei Ziegen, eine Herde mit fünf Kühen. „Das sind so sensible, intelligente und lernbegierige Tiere“, beschreibt Kuh-Fan Janne Rainer Bach seine Lieblinge. Vor die größte Herausforderung stellten bislang die vier Waschbärbabys das Gnadenhof-Team, das von Familienangehörigen und Freunden sowie den Nachbarn unterstützt wird. Die Tierauffangstation Tierart in Maßweiler war ausgebucht.

Also informierten sich die beiden Tiermediziner über Bedürfnisse und Haltungsgenehmigung für die Rasse. „Das haben wir selbstverständlich beim Veterinäramt angemeldet“, informiert Janne Rainer Bach. Auf Grund der gesetzlichen Bestimmung darf diese Tierrasse weder als Haustier gehalten, noch ausgewildert und natürlich auch nicht grundlos eingeschläfert werden, schon gar nicht von Tierärzten. Deshalb auch verbleiben die Waschbären auf dem Erlebnishof, der von den Kollegen des Veterinäramts regelmäßig besucht und ordnungsgemäß kontrolliert wird.

Mit den eigenen Händen

Die beiden überzeugten Vegetarier versorgen ihre Vier- und die Eier legenden Zweibeiner nicht nur vorwiegend allein. Auch die Um- und Anbaumaßnahmen werden so weit wie möglich eigenhändig durchgeführt vom Haus selbst bis hin zu Koppeln und Gehegen. So können zum Beispiel Infoveranstaltungen zum Tierschutz oder Tier-Zubehör-Märkte abgehalten oder Kindergeburtstage gefeiert werden als mögliche Einnahmequellen.

Wenn sie abends todmüde ins Bett fallen, sei der Gedanke jedoch: „Das war cool heute!“ Janne Rainer Bach zählt auf: „Wir haben gerne Kinder hier, Kindergärten, Grundschulen, fördern soziale Einrichtungen oder auch bedürftige Familien, denen wir wenigstens mal einen schönen Tag auf dem Erlebnishof und in der Natur gestalten.“ Höhepunkt dabei sind die Esel- oder Pferdewanderungen.

Spenden für die Arche

Finanziell zu stemmen ist die „Arche Noah“ lediglich durch Spenden an Futter und dringend benötigten Utensilien. Ein Online-Wunschzettel wird sehr gut angenommen und spülte vom Pferdeputzzeug bis zum Vitaminpräparat viele benötigte Dinge ins Haus. Dafür sind die beiden tiernärrischen Idealisten sehr dankbar. Das gilt allen Helfern, vor allem der Familie Guhl in der Nachbarschaft, die ihnen nicht nur mit Rat und Tat bei der Feldarbeit zur Seite steht, sondern auch immer wieder kostenfrei alle benötigten Maschinen- und Geräte ausleiht. Ingmar Meth und Janne Bach wissen: „Das Gute schaffen wir nur gemeinsam!“ Infos unter www.erlebnishof-gerhardsbrunn.de.

Was Tierfreunde wissen sollten

Hasen, Meerschweinchen und viele weitere Tierrassen müssen mindestens zu zweit gehalten werden, sonst ist es Tierquälerei.

Tiere sind nur dann Kuschelpartner, wenn sie selbst es wollen. Sie dürfen zu nichts gezwungen werden. Stets gilt es, den Willen des Tiers zu respektieren.

Eine reine Wohnungshaltung für Katzen ist ebenfalls Tierquälerei. Entweder rein- und rauslassen – oder die Finger von lassen.

Haustiere grundsätzlich kastrieren, damit sie sich nicht weiter vermehren. Es gibt einen weitaus größeren Überschuss an nicht gewollten Tieren, als Tierheime und Auffangstationen wie Gnadenhöfe betreuen können.

Kühe gehören zu den unterschätzten Tierarten: Sie sind großartige Charaktere, intelligent, lernwillig, gelehrig (sogar als Reittiere) und dabei in der Regel tiefenentspannt.cvw

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