Von Sein und Schein

Veranstaltungs-Reihe „Kultur verbindet“ geht am 10. November weiter

ZWEIBRÜCKEN Diesmal hatte der Beirat für Migration und Integration im Rahmen seiner Veranstaltungs-Reihe „Kultur verbindet“ zu einer Märchenstunde mit Rita Folz ins Mehrgenerationenhaus eingeladen. Die 85-jährige Erzählerin hatte sich für „Des Kaisers neue Kleider“ aus der Feder des Dänen Hans Christian Andersen entschieden.

„Er hat Kunst-Märchen gedichtet und nicht etwa aus Volkserzählungen zusammen getragen wie die Gebrüder Grimm“, berichtete sie. Sie selbst liebe Märchen, denn im Gegensatz zum Fernsehen mit seinen vorgefertigten Bildern könne sich jeder in seiner Fantasie seine eigenen Bilder zu den Märchenerzählungen erschaffen. Organisatorin Tatjana Medenko hatte sich ein „tiefsinniges, hintergründiges Märchen“ gewünscht, über das man auch nachdenken kann.

Wiederholt übersetzte die achtsame Vorleserin für die vorwiegenden Neubürger Ausdrücke aus der Entstehungszeit des Märchens (1837). So klärte sie etwa auf: „Rock, das sagte man früher für Jacke“. Der eitle, eingebildete Kaiser kümmert sich lieber um seine neue Garderobe, als um seine Staatsgeschäfte. Von zwei Betrügern lässt er sich für viel Gold und Seide neue Gewänder weben. Diese machen ihm vor, die Kleider seien ganz und gar außergewöhnlich, denn sie könnten nur von Personen gesehen werden, „die ihres Amts würdig und nicht dumm sind“. Tatsächlich geben die Betrüger nur vor, zu weben. „Auf dem Webstuhl war nichts“, betonte Rita Folz dramatisch, als der alte, weise Minister, vom König als Testperson gesandt, die neuen Kleider als Erster begutachten soll.

Um sich ja nicht als dumm oder gar unfähig zu offenbaren, also aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf, gibt er vor, die von den betrügerischen Scheinwebern in den leuchtendsten Farben beschriebenen, hoch edlen Gewänder zu erkennen. Doch nicht nur der treueste Minister des Kaisers verheimlicht seinem Dienstherrn die offensichtliche Wahrheit. Als schließlich der Kaiser selbst das Werk begutachtet, fürchtet auch dieser um seinen Ruf und spielt in völliger Verunsicherung über seine Fähigkeiten das perfide Spiel mit.

Daher wird die Erzählung gelegentlich als Beispiel angeführt, um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren, denn der Kaiser zeichnete die Betrüger zu allem Überfluss auch noch mit dem Verdienstkreuz aus. In die unsichtbaren Schein-Kleider gehüllt, die „so leicht sind, als trüge man nichts“, feiert er sein großes Fest. Das Volk folgt willig dem Beispiel des Hofstaats und bewundert ihn, bis ein kleines Kind die Wahrheit kundtut: „Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!“ und das Volk revoltiert.

Kamiran Mohamad, Vorsitzender des Beirats, kennt das Märchen, das in mehr als einhundert Sprachen übersetzt wurde, aus dem Arabischen. „Man soll seine eigene Meinung sagen und den Mut haben zu sagen: Nee, das ist nix“, befand Alla Medenko in der anschließenden, lebhaften Diskussion. Auch die Manipulation der Werbung, die „einen mehr bezahlen lässt, als etwas wert ist in der Gier, andere zu übertreffen“, wurde thematisiert.

„Der kleine Prinz“

Am Montag, 9. November, um 16 Uhr erwartet die Gäste bei „Kultur verbindet“ im Mehrgenerationenhaus etwas ganz Besonderes. Jannie Schulz-Burema und Cordula-Irene v. Waldow vom Esperanto-Klub Zweibrücken lesen ein Kapitel aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ des Franzosen Antoine de Saint-Exupéry auf Esperanto und in der deutschen Übersetzung vor. Außerdem stellen sie die vor mehr als 100 Jahren von Ludwig Zamenhof als internationale Einheitssprache für alle Menschen erfundene Kunstsprache vor. cvw

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