Von Gleichheit noch weit entfernt

Podiumsdiskussion zu Frauenwahlrecht und weiblicher Arbeitswelt von heute

ZWEIBRÜCKEN Mehr als 50 Frauen und einige Männer nahmen den Weltfrauentag am 8. März zum Anlass, um unter dem Motto „Von 100 Jahre Frauenwahlrecht zur modernen weiblich Arbeitswelt“ vor allem die politische und wirtschaftliche Teilhabe der Frauen heute zu beleuchten. Die SPD und die Grünen hatten zu einer Podiumsdiskussion ins Mehrgenerationenhaus eingeladen und Frauen an der Spitze von städtischen Bereichen, in Privatunternehmen sowie in der Gewerkschaft eingeladen.

„Von einer Emanzipation in diesem Bereich sind Frauen noch weit entfernt“, stellte Barbara Danner-Schmidt (Grüne) bei ihrer Begrüßung fest. Prognostiziert sind noch mehr als 40 Jahre, um die Geschlechterunterschiede hier aufzuheben. „So viel Zeit haben wir nicht“, waren sich die Frauen einig. Die Historikerin Charlotte Glück skizzierte in einem Auszug aus ihrer Doktorarbeit den Kampf der Frauen um ihr Wahlrecht sowie die rechtlichen Errungenschaften an Selbstbestimmungsrechten seitdem. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – von Schwesterlichkeit war keine Rede“ erinnerte sie. So dürfen Frauen erst seit 1977 ohne die Erlaubnis von Ehemann oder Vater berufstätig sein. Das Rollenmodell „Ehefrau, Hausfrau und Mutter“ prägt die Gesellschaft bis heute. „Den Begriff Rabenmutter für eine Frau, die angeblich ihre Kinder ob ihrer Berufstätigkeit oder ihres (politischen) Engagements vernachlässigt, gibt es nur in Deutschland“, stellte Hedi Danner (SPD) fest, die die Diskussion gemeinsam mit Elke Moulin (SPD) moderierte.

Schnell entwickelte sich gemeinsam mit den Teilnehmern eine lebhafte und perspektivenreiche Diskussion, etwa über die Ursache dafür, dass selbst bei einem hohen Frauenanteil auf Stadtratslisten doch zumeist Männer gewählt werden. „Woran liegt das?“ fragte FDP-Chefin Ingrid Kaiser. Einig waren sich die Anwesenden darüber, dass bereits ab dem Kindergartenalter das alte Rollenbild „Frauen Sozialberufe – Männer technische Berufe“ zu Gunsten der Diversität aufgehoben werden müsse. „Gesellschaftlicher Wandel dauert“, erinnerte Charlotte Glück mit Blick auf die Geschichte.

Begonnen werden müsse bei der Kindererziehung, sowohl in den Kitas und Schulen als auch daheim. „Warum ist es uns bis heute nicht gelungen, in den Parlamenten die Parität herzustellen?“ Strukturelle Probleme wie die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und politischem Engagement mit zahlreichen Sitzungen in den Abendstunden seien für viele Frauen so abschreckend, dass sie gar nicht kandidierten, ergab die Diskussion. Die Bundestagsabgeordnete Angelika Glöckler (SPD) gab zu: „Bei uns funktioniert es, weil mein Mann mich unterstützt.“

„Wir Frauen müssen uns trauen. Wir haben es selbst in der Hand!“ gaben die erfolgreichen Frauen auf dem Podium, die stellvertretende Ver.di-Bezirksgeschäftsführerin Sabine Schunck, als Leiterin der Entsorgungsbetriebe Pirmasens und Stella Pazzi, Geschäftsführerin bei IT-Spezialist Moltomedia, den Anwesenden mit. Auf die Forderung nach einer Quoteneinführung bei gleicher Qualifikation bestätigte Sabine Schunck: „In der Gewerkschaft ist das seit 18 Jahren kein Thema mehr. Ist beispielsweise ein Vorsitzender männlich, muss die Stellvertreterin weiblich sein und umgekehrt.“ In der Diskussion wurde klar: Es braucht einen gesetzlichen Druck zur Veränderung, wie etwa bei der Anschnallpflicht: Quoteneinführung bei gleicher Qualifikation, gepaart mit Selbstbewusstsein und Selbstwert bezüglich der eigenen Leistungsfähigkeit.

Eine große Herausforderung bestehe nach wie vor in der Rentenlücke von über 57 Prozent, die männliche Rentner im Bundesdurchschnitt mehr erhalten als weibliche. Walter Rimbrecht bemerkte: „Frauen sind doppelt benachteiligt“. Sie arbeiten in schlechter bezahlten Berufen in Teilzeit. Ihre Rente ist auf Grund des geringeren Einkommens deutlich niedriger und ihre oft halbe Stelle reduziert die Anrechnung von 40 Jahren Berufstätigkeit auf nur 20 Jahre. „Das ist schlicht ungerecht“, ermutigt der SPD-Politiker die Frauen zu öffentlichem Aufbegehren. Auch im 21. Jahrhundert müssten Frauen ihre Rechte erkämpfen. „In der IG-Metall kann ich die Bänder etwa bei Opel still stehen lassen. Dort ist auch nahezu jeder Arbeitnehmer organisiert. Das verleiht ihr die Macht“, beschrieb Sabine Schunck.

In Sozialberufen seien nur wenige in der Gewerkschaft. Aus Berufung und Liebe etwa zu Kindern, Kranken und Pflegebedürftigen sowie der Verantwortung für deren Wohlergehen, sei ein kurzfristiger Streik in Kitas, Krankenhäusern oder Pflegeheimen nicht möglich. Dies verhindere die Steigerung der geringen Löhne in diesen gesellschaftlich bedeutenden, jedoch wirtschaftlich gering geschätzten Berufen.

In den mehr als zwei Stunden lebhaften Austauschs wurde deutlich: Auch im 21. Jahrhundert müssen Frauen (und Männer) für ihre Rechte und Gerechtigkeit kämpfen, sie werden nicht automatisch eingeräumt. Vor allem Stadträte und Kandidaten für die Stadtratslisten quer durch die großen Parteien stellten sich diesem bedeutenden Thema. Darüber hinaus würden nur wenige Bürgerinnen erreicht.cvw

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