Siedlung, Haus & Hof in der Pfalz

Spannender Streifzug durch die Geschichte der menschlichen Behausung

ZWEIBRÜCKEN Wer sich in die Weiten der Geschichtswissenschaften begibt, braucht einen langen Atem. So ist die neueste Studie des aus Annweiler-Queichhambach stammenden Volkskundlers Helmut Seebach das staunenswerte Ergebnis von mehr als dreißig Jahren intensiver Forschung.

„Siedlung, Haus und Hof in der Pfalz. In europäischem Zusammenhang. Band I“ nennt sich diese herausragende kulturhistorische Publikation, die nichts weniger ist als eine Gesamtdarstellung der Geschichte der menschlichen Behausung im Gebiet der heutigen Pfalz

Sie beginnt mit dem Blick auf Buntsandsteinhöhlen als steinzeitliche (9500 bis 5500 v. Chr.) Wohn- und Arbeitsplätze wie die Weidentalhöhle bei Wilgartswiesen. Natürliche Felsenhöhlen wie die Heidenscheuer bei Gräfenhausen dienten für die sogenannten Zigeuner noch bis ins 20. Jahrhundert hinein als kostenlose, temporär genutzte natürliche Wohnbehausung.

Die Sesshaftwerdung der Neolithiker (5000 – 2200 v. Chr.) bedingte den Bau fester Häuser mit rechteckigem Grundriss und einer hölzernen Wandkonstruktion mit Lehmbewurf wie in Herxheim, die als erste Fachwerkhäuser in der Kulturgeschichte betrachtet werden können.

Mit der Siedlungs- und Bautätigkeit Schweizer Einwanderer nach dem 30-jährigen Krieg kam eine Neuorientierung in der Wahl des Siedlungsortes (Höhensiedlung), die Bevorzugung eines bestimmten Ortsplanes (Einzelgehöft, Streusiedlung), die Wahl des geeigneten Haustypus (Einfirsthaus) und der vermehrte Bau von Fachwerkhäusern.

Hier soll nicht unerwähnt bleiben, dass es sich bei der jetzt vorliegenden jüngsten Publikation des Geschichtswissenschaftlers Seebach zugleich um dessen nunmehr fünftes thematisches Buch zu den kulturellen Folgen der Schweizer Reformation auf die nationalen Kulturen Europas und Pennsylvanias handelt.

Als friedfertige Kolonisten aus dem Alpenraum errichteten die Schweizer nach ihrem vertrauten Muster Bauernhäuser in der neuen Heimat. Die freie Verfügbarkeit von Baumaterial wie Holz, Steine, Sand, Lehm (Haingeraide) war der Ausgangspunkt eines Baubooms von Fachwerkhäusern zwischen 1700 und 1730 vor allem in der Vorder- und Südpfalz.

Anschaulich in Wort und Bild zeigt der Volkskundler auf, dass bis heute der Typus Fachwerkhaus der große „Verlierer“ in der pfälzischen Hauslandschaft ist. Obwohl unter touristisch-denkmalpflegerischen Gesichtspunkten attraktiv und schützenswert, wird unter allen Haustypen zuerst das Fachwerkhaus auf- und dem Verfall preisgegeben. Ein letztes Beispiel für ein sogenanntes Vorbehalts- oder Großelternhaus in der Pfalz fand sich bis vor Jahren noch in Gräfenhausen.

Kunstvoll geschnitzte und farbig ausgemalte Motive an vorstehenden Balkenrahmen bilden einen Fenstererker mit mehrfach gekoppelten Fenstern an der Hausfront wie in Siebeldingen, Ilbesheim oder Kandel. Offensichtlich liegt dem kulturellen Muster in der Pfalz eine Übertragung aus der Alemannia seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert zu Grunde, ebenso wie bei der Konstruktion von Laubengängen, Veranden oder Galerien und der doppelten oder dreifachen Giebelverdachung.

„Siedlung, Haus und Hof in der Pfalz“ behandelt alle im Verlauf der Geschichte im Gebiet der Pfalz und in den pfälzischen Auswandererländern auftretenden Haus- und Hofformen wie Blockhaus, Einfirsthaus, Einraumhaus, Erdhaus, Fachwerkhaus, Kolonistenhaus, Kronhäuschen, Matzenberghaus, Nothaus, Musikantenhaus, Rauchküchenhaus, Schindelhaus, Schweizer Rampenscheune, Stall-/Keller-/Werkstatt-Hochwohnhaus, Steinhaus, Tabakbauernhaus, Taglöhnerhaus, Vorbehaltshaus, Winzerhaus. Es ist eine an wertvollen Erkenntnissen reiche Fundgrube für den interessierten Heimatkundler, den kundigen Historiker, den Architekten und den Denkmalschützer.

Helmut Seebach, Siedlung, Haus und Hof in der Pfalz. In europäischem Zusammenhang, Band I., Bachstelz-Verlag, Mainz 2019, ISBN 978-3-924115-42-5, 287 Seiten, 104 Abbildungen, Karten, Schemata, einmalige, nummerierte und signierte Auflage von 50 Exemplaren, 120 Euro.red./dos

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