„Mut zur Irritation“

Expertin hat über Antidiskriminierung und muslimische Lebenswelten informiert

HILBRINGEN „Es gibt keine Gesellschaft und keine Zeit, in der die Gesellschaft nicht im Wandel ist“, erinnert Karin Meißner. Auch die Gesellschaft, in der wir gerade leben, verändert sich. Grund zur Sorge? Keineswegs, sagt Meißner. Sie arbeitet für „isaar – Islam im Saarland- saarländischer Islam?“, ein Projekt der Forschungs- und Transferstelle Gesellschaftliche Integration und Migration an der htw saar.

Ein Ziel des Projektes will sein, dass es künftig keine Trennung mehr zwischen den beiden Begriffen Saarland und Islam gibt.

Der Islam ist immer noch sehr präsent in den Medien

Der saarländische Moslem und die saarländische Muslima sollen als solche anerkannt werden, so das Bestreben. Mit ihrem Vortrag zu „Vielfalt, Diskriminierung und muslimische Lebenswelten“ hat Meißner kürzlich den aktuellen Diskurs in der CEB-Akademie in Hilbringen aufgegriffen und Orientierungshilfen gegeben.

Der Islam ist immer noch sehr präsent in den Medien, sagte Meißner. Oft dargestellt durch Frauen mit Kopftuch, Krummdolche, dunkle Farben. „Mord im Namen Allahs“ titelte eine Talkshow, „Die dunkle Seite des Islam“ ein Magazin. „Die Assoziationen mit dem Islam werden nicht ausdifferenziert, sondern immer wieder reproduziert. Wenn ich sage, denken Sie nicht an den rosa Elefanten, denken Sie natürlich an den Elefanten“, erklärte Meißner. Sie zitierte einen Beitrag von Arno Frank, der am 7. Juni auf spiegel.de veröffentlicht wurde: „Seit 2015 gab es mehr als hundert Sendungen über Flüchtlinge und Integration, den Islam im Allgemeinen und islamistischen Terror im Besonderen. Nicht, dass derlei unwichtig wäre oder verschwiegen werden sollte. Aber Rechtspopulismus war den Machern gerade mal 21 Sendungen wert, rechter Terror zwei und der NSU-Skandal im Ganzen satte drei.“

Dabei ist der Alltag aller Menschen in Deutschland gleich, meinte Meißner. Sie arbeiten, versorgen ihre Kinder, kochen, haben ein bisschen Spaß im Leben. Das gehe im gesellschaftlichen Diskurs verloren. „Wir sind durch ganz viele Merkmale geprägt, und Religion ist nur eine davon, nicht mehr und nicht weniger.“

Es sei wichtig, genau hinzusehen, wo die Ursache eines Problems liegen könne – und nicht alles auf den Islam zu schieben. Doch das komme auch in ihrem beruflichen Alltag immer wieder vor, sagte Meißner. Sie erzählt von einem jungen Mann, der als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland gekommen sei. Innerhalb kürzester Zeit habe er seinen Schulabschluss gemacht und einen Ausbildungsplatz bekommen.

Doch dann bedrohte eine Abschiebung seine Zukunft. In seiner Wohngruppe habe sich der junge Mann einmal kritisch geäußert – und die Betreuer wandten sich an Meißner: „Hilfe, ist er radikal, muss ich mir Sorgen machen?“ Als anderes Beispiel nannte Meißner ein Kind, das arabische Worte auf seinen Block gekritzelt habe. Die Lehrerin, die die Bedeutung nicht verstand, habe sogleich eine Analysegruppe einberufen. „Wir brechen ein Anliegen oft auf einen Aspekt runter“, so Meißner.

Ein solcher Aspekt ist auch das Kopftuch. Meißner zeigte einen Film, in dem eine junge Muslima erklärt, dass die ihr Kopftuch freiwillig aus religiösen Gründen trage.

In der Gesellschaft fühle sie sich deswegen ausgeschlossen, obwohl sie gerne ein Teil davon wäre. „Wenn wir ein Kopftuch sehen, denken wir oft, dass die Frau diskriminiert wird.

Aber wie die junge Frau es erklärt, ist es ein ganz anderes Bild“, meldete sich eine Teilnehmerin aus dem vollen Raum zu Wort. Meißner bestätigte, dass es viele Frauen gebe, die aus eigenen Stücken ein Kopftuch tragen, als Bezeugung ihres Glaubens. Sogar manche muslimische Feministinnen tragen ein Kopftuch, weil sie ihren Feminismus aus der Religion begründen. „Das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung ist nicht haltbar“, resümierte Meißner.

Eine symbolhaft aufgeladene Situation

Und wie ist das mit der Begrüßung? „Es gab noch nie eine Veranstaltung, bei der das Händeschütteln kein Thema war“, sagte Meißner und sprach von einer symbolhaft aufgeladenen Situation. Eine Kollegin gebe die Hand nicht aus hygienischen Gründen, andere vermeiden es, weil sie viel schwitzen. Die Kinder begrüßen sich heutzutage mit Faustcheck, sie selbst wurde noch zum Knicks angeleitet. Und als die gebürtige Hannoveranerin in das Saarland kam, lernte sie die Küsschen rechts und links kennen. Wenn man in einer Situation unsicher sei, riet Meißner: „Mut zu Irritation!“ Den Umgang miteinander könne man nur lernen, indem man einander offen begegne.red./ti

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