Keine unkontrollierte Nutzung digitaler Medien ermöglichen

Der Umgang von Kindern mit Smartphone & Co. birgt in sich zahlreiche Gefahren

SAARBRÜCKEN Über die Nutzung digitaler Medien von Kindern wird aktuell viel diskutiert. Umstritten ist vor allem das „Eintrittsalter” eines Kindes in die Welt der Tablets und Smartphones sowie die Eignung der Spiele und Filme für Kinder.

Natürlich muss man in unserer fortschrittlichen Welt das Rad nicht mehr neu erfinden, denn die Kinder werden schließlich in eine hochtechnisierte Umgebung hineingeboren. Deshalb ist es einerseits wichtig, sie damit rechtzeitig vertraut zu machen, aber andererseits sollten Kinder nicht gleich überfordert werden.

Laut einer Untersuchung der Stiftung Warentest haben manche Spiele-Apps die Altersfreigabe ab null Jahren, was an sich schon unrealistisch ist. Aber selbst Spiele, die im App-Store ab sechs Jahren angeboten werden, halten Tester für bedenklich!

Altersangabe ist bisweilen problematisch

Ein Grund sei die eingeblendete Werbung für Spiele ab 18 Jahren, zum anderen könnten durch In-App-Käufe Kostenfallen entstehen. Aber es gibt noch weitere plausible Gründe: Da das kindliche Gehirn schon in den ersten Lebensjahren allein im Hinblick auf die Sinnesentwicklung sowie die Auseinandersetzung mit seiner Umwelt gewaltige Leistungen erbringen muss, können sich überflüssige Reize, sog. Redundanzen, negativ auf das Lernen, das Verhalten und letztendlich auf die gesamte geistige und körperliche Entwicklung auswirken. Symptome zeigen sich meist später in einem breiten Spektrum auftretender Verhaltensauffälligkeiten, z. B. Interessenlosigkeit gegenüber anderen Freude bringenden Dingen, Rückzugstendenzen (Passivität) oder Aggressivität bis hin zur Delinquenz im Jugendalter.

Natürlich spielen bei der Ausprägung der vorgenannten Persönlichkeitsveränderungen noch viele andere Faktoren eine wichtige Rolle, jedoch sind die langfristigen Folgen unkontrollierter Nutzung digitaler Medien bei Kindern nicht absehbar. Was von Eltern oft unterschätzt wird, sind die als harmlos eingestuften Animationsfilme, wie sie in Videoportalen zuhauf zu finden sind. Rasch wechselnde Bildsequenzen mit einer Flut von Geräuschen und euphorisch gesprochenen z. T. synthetisch erzeugten Dialogen, denen manche Kinder überhaupt nicht folgen können, putschen eher auf, als dass sie auf die kleinen Zuschauer unterhaltsam, geschweige denn entspannend wirken.

Deshalb sollten Erwachsene stets im Blick haben, welche Filme ihre Kinder auf digitalen Medien zuhause und z. B. auf Autofahrten anschauen. Zudem kann durch die vorgegebene Handlung im Film die Entstehung eigener Ideen gehemmt werden. Geräuschvolle, nervenaufreibende Actionszenen vor dem Einschlafen oder direkt nach dem Aufwachen bedeutet für das sich in der Entwicklung befindliche Kindergehirn enormen Stress! Das im Film Erlebte, selbst wenn es sich „nur” um einen Zeichentrickfilm handelt, wird in den Kindergarten bzw. in die Schule mitgebracht und spätestens dort verarbeitet.

Irreale Handlungen in Filmen und Spielen

Die Sinneseindrücke des ganz normalen Alltags wurden von Kindern schon immer im Spiel verarbeitet und stärkten ihre natürliche Lebenskompetenz. Nun überlagern oft die irrealen Handlungen irgendwelcher Heldenfiguren aus Filmen oder Spieleapps, die das Kind versucht nachzuempfinden. Dies führt nicht selten auch zu Konflikten mit anderen Kameraden oder dem Betreuungspersonal.

Der Zusammenhang zwischen übermäßigem Konsum digitaler Medien und unerwünschtem Verhalten wird häufig verkannt. Ferner spielen die Auswahl der Computerspiele wie auch die tägliche Nutzungsdauer eine bedeutende Rolle. Was und wie viel dem Kind zugemutet werden kann, hängt von dessen persönlicher Reife ab. Gegen pädagogisch sinnvolle oder kreative Apps, z. B. Mal- oder interaktive Lernapps, spricht im Prinzip nichts, jedoch manche Spiele mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen können zu gesteigerter Nervosität, Frustration, Verstörtheit – im schlimmsten Fall sogar zur Sucht führen. Häufige Kopfschmerzen durch angestrengtes Hinschauen auf einen relativ kleinen Bildschirm, Schlafprobleme, schleichende Gewichtszunahme durch Bewegungsmangel oder die Vernachlässigung sozialer Kontakte sind ernstzunehmende Alarmsignale!

Smartphones & Co werden manchmal von Eltern leider bewusst als Babysitter oder als Schnullerersatz eingesetzt, damit das Kind zunächst mal „beruhigt” ist, wenn sich Mama und Papa gerade nicht um ihren Nachwuchs kümmern können oder wollen. Beziehungen zueinander bleiben auf der Strecke, weil das Kind beim Spielen nicht gerne angesprochen und erst recht nicht unterbrochen werden möchte. Mit dem zu starken Einsatz von Tablet oder Smartphone lernt das Kind nicht, Langeweile auszuhalten bzw. kindgerecht zu füllen. Viele Erwachsene dienen in dieser Hinsicht als negatives Vorbild.

Wenn das Kind gerne auf dem Smartphone spielt, kommt es auf die richtige Auswahl der Spiele und den dosierten Umgang an. Eine gute Alternative zu digitalen Spielen sind nach wie vor traditionelle Spiele mit mindestens demselben Spaßfaktor, deren hoher Wert auch zukünftig außer Frage steht. oj

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