Ist Musikkultur systemrelevant?

„Über Leben“ mit Musik: Kultur zählt eindeutig zu den Corona-Verlierern

REGION Der Begriff Kultur umfasst im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend erzeugt – im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials: sei es in Religion, Wissenschaft, Technik, in der Landwirtschaft, der Essenszubereitung oder in der bildenden Kunst, aber auch binnen Ideen – dem Stoff geistiger Gebilde –, wie die Musik.

Über Leben mit Musik – die Konzertpraxis im Focus

Inzwischen gibt es über 400 freischaffende Musikensembles, die das kulturelle Leben Deutschlands immens bereichern. Nicht alle Musiker werden durch einen rührigen oder gar idealistischen Manager vertreten. Nur selten ist das Glück dem Musikus hold, um sich zum Beispiel von Gagen- oder Honorarkonzerten, die aus öffentlichen Geldern generiert werden, zu ernähren.

Viele Musikanten müssen/dürfen ihr Zubrot durch zusätzliches Unterrichten oder mit Gelegenheitsarbeit erwirtschaften. Wieder andere haben eine zusätzliche Begabung: sie sind Musiker und Veranstalter zugleich – ein bemerkenswertes Talent, welches in der Gesellschaft

bisher kaum Beachtung findet. Obwohl diese symbiotische Leistung keinerlei Steuergelder verschlingt, wird sie von keiner Seite honoriert, im Gegenteil: so manche Institution profitiert davon und heimst den Glanz einer gelungenen Veranstaltung ein, zu der sie wenig beigetragen hat.

Mit einem Blick hinter die Kulissen lassen sich erstaunliche künstlerische und organisatorische Leistungen entdecken, die in dieser Kombination beider Befähigungen nur selten zu finden sind, und das in höchster Qualität. Derart Agierende sind Ausnahmekünstler – unter ihnen seien stellvertretend Ariana Burstein und Roberto Legnani genannt.

Mit Blick auf das von Roberto Legnani im Jahr 1995 entwickelte und praktizierte Tournee-Veranstaltungskonzept, haben seither Ausbildungsstätten für Kulturmanagement dieses Konzept gerne als erfolgreiches Beispiel herangezogen.

Die Corona-Krise – Ursache folgenschwerer Auswirkung

Über die Zerstörung von Lebensgrundlagen in Zeiten von Corona Im März haben Politiker den „Lockdown“ beschlossen. Von einem Tag auf den anderen wurden nahezu alle öffentlichen Einrichtungen wie Theater, Museen, Bibliotheken, Musikschulen usw. geschlossen. Konzertveranstalter und freischaffende Musiker mussten sich dem Veranstaltungsverbot beugen. Alle Konzerte mussten kurzfristig abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Es begann eine heiße Phase endloser Debatten und Diskussionen wegen verschiedener Gesetzesentwürfe zur Schadensbegrenzung. Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz versicherte, „allen wird geholfen, ... wir stemmen auch dieses Problem ... es ist reichlich Geld vorhanden”. Somit wurde – vermutlich mit guten Absichten – ein Schwur geleistet. Durch die hochheiligen Versprechungen wurden teilweise völlig falsche Hoffnungen geweckt.

Die aus dem Boden gestampften Zusicherungen verschiedener Hilfsprogramme „haben mehr Steine als Brot in den Weg gelegt”, wie es Dr. Gerald Mertens (Deutsche Orchestervereinigung) so treffend formulierte.

„Soforthilfe – vereinfacht, schnell und leicht ...“

Die Medien berichteten täglich über die „Soforthilfe – vereinfacht, schnell und leicht zugänglich für alle freischaffenden Künstler“. Manche Bürger hörte man augenzwinkernd sagen: „Künstler müsste man sein.“

Doch die Realität kann diese „Soforthilfe“ so nicht bestätigen. Immerhin hatten die Gesetzgeber nun erst einmal wieder Luft für andere Dinge, denn die Künstler waren mit den schier endlosen Antragsformularen und mit dem Beschaffen von Bescheinigungen und Nachweisen vorerst eine ganze Weile beschäftigt.

Auch das international bekannte Duo „Ariana Burstein & Roberto Legnani“ benötigt Unterstützung. Aufgrund der behördlichen Anordnungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wurden sämtliche für 2020 geplanten Konzerte abgesagt. Dies betrifft die Deutschland-Tournee von Roberto Legnani „Virtuose Gitarrenmusik“ sowie die Konzertreihe „Klassik und Weltmusik für Cello und Gitarre“ mit dem Duo „Burstein & Legnani“.

Nach heutigem Stand wurden 40 Konzerte ersatzlos gestrichen, zwölf weitere verbleibende Termine sind vorerst in der Schwebe. Neben dem immateriellen Aufwand für organisatorische und künstlerische Vorleistungen ist ein erheblicher finanzieller Schaden von rund 62000 Euro entstanden.

Während ein Teil der Gesellschaft die Lockerungen des „Lockdown“ inzwischen in fast schon blinder Euphorie zelebriert, ist der Mai 2020 für das Duo „Burstein & Legnani“ stillschweigend und ohne jegliche staatliche Hilfe vorüber gegangen.

„Corona-Künstlerhilfe“ – eine private Initiative als letzter Rettungsschirm

Das ehrenamtlich geführte Tournee- und Pressebüro Ulla Cunningham hat mit der Corona-Künstlerhilfe über die Homepage von „betterplace“ eine Spenden-Kampagne ins Leben gerufen (https://www.betterplace.me/das-duo-burstein-und-legnani-braucht-unterstuetzung).

Somit können Konzertbesucher und Kulturinteressierte die beiden sympathischen Musiker Ariana Burstein und Roberto Legnani mit einer Spende sinnvoll unterstützen. Jeder Betrag hilft. Nur so wird ermöglicht, dass auch nach Corona die beiden formidablen Musiker ihre künstlerisch wertvollen Arrangements und Eigenkompositionen ihrem begeisterten Publikum erneut präsentieren können.

Die Gründung einer Stiftung angestrebt

Unter der Voraussetzung, dass die Spenden-Kampagne dieser Corona-Künstlerhilfe eine rege solidarische Beteiligung findet und ihr Ziel erreicht, ist die Gründung einer Stiftung angestrebt, um künftig weiteren hochbegabten und in Not geratenen Musikern zu helfen bzw.

auszuschließen, dass es gar nicht erst zu einer Notlage kommt.

Viele Leser und Konzertbesucher haben nachgefragt, wann und wie es mit der abgebrochenen Deutschland-Tournee von Roberto Legnani weiter geht, und ob die für Herbst geplante Konzertreihe „Klassik und Weltmusik für Cello und Gitarre“ mit dem Duo „Burstein & Legnani“ stattfindet.

Ein Konzertbesuch ist kein spontaner Kneipengang

Das Tournee- und Pressebüro Ulla Cunningham gibt dazu Folgendes bekannt: „Trotz aller inzwischen beschlossenen Lockerungen der Auflagen bezüglich der Coronavirus-Pandemie gibt es für unsere Art von Konzerten – nämlich in geschlossenen kleineren Sälen – noch keine zuverlässige Planungssicherheit, zumal diese durch die bundesweit unterschiedliche Umsetzung der Lockerungsmaßnahmen noch erschwert wird.”

Terminverschiebungen und das Finden von Ersatzterminen mit den Kooperationspartnern und vielen weiteren Beteiligten sind zeitintensiv und müssen völlig neu koordiniert werden. Künftige Konzerte ab dem „Tag X“ müssen abermals – neben den aufwändigen Planungsarbeiten – vorab wieder durch die Selbstbeteiligung der Künstler finanziert werden. In diesem Sinne und zu guter Letzt: Aufmerksamkeit gebührt all den Musikern, die durch Livestream-Konzerte ihren bescheidenen Lebensunterhalt erwirtschaften wollen. Durch starke Konkurrenz bleiben auch diese Chancen unfair verteilt.

Als Beispiel sei genannt: Aufnahmetechnisch und personell sind die (sozial abgesicherten) Kollegen der Berliner Philharmoniker mit ihren musikalischen Darbietungen in der „Digital Concert Hall“ den kleinen Wohnzimmerkonzerten haushoch überlegen.red./ti

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