Hochkarätige Autorenbegegnung

Martyna Bund las in der Stadtbücherei aus „Das Glück der kalten Jahre“

ST. INGBERT Nach Lesungen mit Wojciech Kuczok und Sczcepan Twardoch in den vorangegangenen Jahren konnte das St. Ingberter Literaturforum (ILF) in Verbindung mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Saar auch 2019 wieder zu einer hochkarätigen Autorenbegegnung mit Schriftstellern aus unserem östlichen Nachbarland in die Stadtbücherei einladen. Nach ihren Auftritten in Salzburg und Basel war Martyna Bunda im Rahmen der polnischen Kulturtage in der Mittelstadt zu Besuch.

Kooperation mit Deutsch-Polnischer Gesellschaft Saar

ILF-Sprecher Jürgen Bost stellte einem überaus interessierten Auditorium zunächst den Gast aus Warschau vor. 1975 in Danzig geboren und aufgewachsen in den Kaschuben, studierte Martyna Bunda zunächst Politikwissenschaft und arbeitete viele Jahre als Journalistin. Seit 2012 leitet sie den Lokalteil einer großen polnischen Tageszeitung. Für ihre Reportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis „Vielfalt gegen Diskriminierung“, und 2018 für ihr literarisches Debüt, den Roman „Nieczułosc“, für den höchsten polnischen Literaturpreis Nike nominiert. In der diesjährigen Lesung stellte Martyna Bunda diesen unter dem Titel „Das Glück der kalten Jahre“ bei Suhrkamp erschienenen Roman vor, aus dem Polnischen kongenial übersetzt von Bernhard Hartmann. „Das Glück der kalten Jahre“ ist eine weibliche Familiensaga von vier starken Frauen, die in den widrigen Zeiten der frühen 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zusammenhalten und zahlreiche Schicksalsschläge zu bewältigen haben. Bunda setzt sich hier aus einer akzentuiert weiblichen Perspektive kritisch mit dem gesellschaftlichen Bild der Frau in der damaligen Zeit auseinander. Sie zeigt in ihrem Zeit- und Generationenroman einfühlsam, wie sich die Mutter Rozela und ihre drei Töchter nach der Traumatisierung durch den Zweiten Weltkrieg und die stalinistische Ära langsam wieder für Empfindsamkeit öffnen. Martyna Bunda war auch nicht allein nach St. Ingbert gekommen: Dr. Jerzy Wegrzynowski als Vertreter der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft Saar las den deutschen Text und moderierte als kompetenter Kenner der Literatur seines Landes das Autorengespräch. Magdalena Drozdowska übernahm den Part der Dolmetscherin und glänzte durch ihre souveräne Leistung beim Übersetzen. Viele Zuhörer zeigten sich äußerst angetan vom Wohlklang der polnischen Sprache, die als Amtssprache Polens und damit auch der Europäischen Union mit über 50 Millionen Sprechern vor allem auch bei Bevölkerungsminderheiten in den Nachbarländern nach dem Russischen die slawische Sprache mit der zweitgrößten Verbreitung darstellt. Aus dem Publikum wurden noch viele Fragen an die Autorin gerichtet, etwa was den Stellenwert des Kaschubischen, einer anerkannten westslawischen Regionalsprache, angeht. So war zu erfahren, dass die Kaschuben, die heute im Staat Polen leben, zwar eine geschichtliche und ethnische Verbundenheit mit dem Polentum fühlen, aber ihre eigene Sprache und Kultur nach wie vor pflegen. Andere angeschnittene Themen waren die enge Verbindung von Reportage und fiktionaler Gestaltung sowie der Umgang Polens mit seiner Geschichte und Tradition. Zum Abschluss der Lesung dankte Jürgen Bost der Autorin und dem Team der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für ihr Auftreten und kündigte nach dieser zwölften und letzten Autorenbegegnung in diesem Jahr für 2020 nach der Winterpause eine Reihe weiterer Lesungen an. Das ILF werde außerdem in Kooperation mit der Biosphären-VHS am Samstag, 6. Juni 2020, eine Literaturfahrt nach Marbach am Neckar mit Besuchen im Schillernationalmuseum und dem Literaturmuseum der Moderne anbieten. red./jj

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