Historischer Premiumstandort

Das am vollständigsten erhaltene Ensemble preußischer Montanindustriebauten

VELSEN Mit dem nahenden Ende des Bergbaus in Deutschland stellt sich die Frage nach der Art und Weise, wie man an diese Epoche erinnern soll. In dieser Hinsicht hat Ensdorf mit dem Saarpolygon längst Maßstäbe gesetzt. Jeder Bergbaustandort setzt auf einen eigenen Stil der Erinnerung – manche stiller, manche lauter. Ensdorf erfreut sich am Polygon, seiner Halde und dem Sitz des Restbergbaus. Reden setzt vor allem auf bergbauferne Aktivitäten, um mit bayerischer Almgemütlichkeit, Dinosaurierpark und warmen Seerosenteichen den Kontrast zum vormaligen Industriestandort zu betonen.

Was in der Reihe fehlt, ist ein Standort, der sich ernsthaft mit der Historie der Kohlegewinnung auseinandersetzt, ohne die Geschichte zu verleugnen oder verdrängen zu wollen. Hier setzt der Standort Velsen an. Das am vollständigsten erhaltene Ensemble preußischer Montanindustriebauten wartet darauf, wachgeküsst zu werden. Längst als Primus inter pares unter den Premiumstandorten des saarländischen Bergbaus geehrt, kämpft dieser Ort leider immer noch um die ihm gebotene Wertschätzung seitens der Förderer.

Dabei gibt es eine Reihe an Aktivitäten am Standort, die unermüdlich zur Steigerung seiner Attraktivität beitragen. Das Erlebnisbergwerk Velsen mit seinen erfolgreichen Führungen zur Abbautechnik sei hier natürlich zuerst genannt. Und zwar nicht zuletzt auch, weil sich der Verein unter anderem auch zum Ziel gesetzt hat, den gesamten Standort zu fördern. Dann wäre da natürlich zu nennen die historische Kaffeeküch – die letzte im Saarland, die seit Jahrzehnten noch in ihrer ursprünglichen Form und Funktion erhalten ist. Die Dampfmaschine vom Gustavschacht – liebevoll gepflegt von den Berg- und Hüttenleuten Warndt.

Künstler wie Bernd Geiter und Gaitano Franzese haben ihr Atelier in den alten Verwaltungs- und Funktionsgebäuden aufgebaut. Auch die aktive Industrie hat sich am Traditionsstandort angesiedelt. So stellt die AVA Velsen, einst unter Beteiligung von Saarberg gegründet, eine moderne und emissionsarme Form der Müllentsorgung dar.

Gerade aus der Symbiose von Tradition, Historischem, Morbidem und gleichzeitig aktiver Industrie entsteht diese besondere Atmosphäre, die die Menschen zu historischen Industriestandorten hinzieht. Siehe auch Weltkulturerbe Völklinger Hütte, die dortige alte Kokerei und die aktive Stahlindustrie gleich nebenan.

Der Standort Velsen kann aber noch mit anderen potenziellen Attraktionen aufwarten. Zum Beispiel mit der Rosseltalbahn, seit der Stillegung der Grube Warndt im Jahr 2005 ebenfalls vor sich hin rostend. Also eigentlich alle Zutaten, die man bräuchte, um einen richtig attraktiven Montanpark zu erschaffen, der Historiker wie Touristen und Bildungssuchende gleichermaßen anziehen kann. Der Anfang ist gemacht, aber jetzt geht es darum, die nächsten Schritte anzugehen. Pläne und Studien gibt es genug, beispielsweise die Ideenwerkstatt aus den Jahren 2014 und 2015.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was man mit den angedachten 40 Millionen Euro für den Strukturwandel an einem Standort ermöglichen kann, der noch am Anfang der Entwicklung steht und daher tatsächlich Förderung benötigt. Da wäre beispielsweise die Sanierung der Kaffeeküch und der historischen Gebäude zu finanzieren, das könnte einen einstelligen Millionenbetrag kosten. Eine Dachgesellschaft müsste her, welche die Aktivitäten der einzelnen Akteure am Standort koordiniert und so für Touristen attraktiver macht. Wanderer und Radfahrer könnten zum Beispiel am Sonntag Morgen das Erlebnisbergwerk Velsen besichtigen, dann eine Kleinigkeit in der Kaffeeküch essen, anschließend einen Blick auf die Dampfmaschine werfen und ihre Sonntagstour mit der Gewissheit fortsetzen, viel Interessantes gesehen zu haben. Zum Warndt-Weekend hat sich der Standort bereits als einer der attraktivsten Pfeiler der Veranstaltungsreihe etabliert. Und die jüngste Beleuchtungsaktion für den Gustavschacht hat die Zusammenarbeit und vor allem das Engagement für den Gesamtstandort Velsen noch einmal unterstrichen, auch wenn die Erkenntnis um das touristische Potenzial noch ein wenig reifen muss.

Am Standort Velsen könnte Großes entstehen. Ein Hotel bzw. ein Tagungszentrum könnte im Administrationsgebäude oder in den ehemaligen Pferdeställen entstehen. Im Nebenraum der Dampfmaschine könnte eine Eventlokalität errichtet werden. Und wenn man die Rosseltalbahn reaktivieren würde, dann könnte man die Verkehrssituation vor Ort verbessern. red./dl

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