Gegen das Vergessen

In Zweibrücken wurden zwei weitere Stolpersteine verlegt

ZWEIBRÜCKEN Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit seinem europaweiten Kunstprojekt „Stolpersteine“ an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einlässt. Die Patenschaft für die Steine wird jeweils von Bürgern übernommen. Inzwischen liegen über 70000 Stolpersteine und Stolperschwellen in 1265 Kommunen in 21 Ländern Europas. Es werden immer mehr.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Näheres zu diesem Kunst- und Gedenkprojekt findet man auf der Internetseite www.stolpersteine.eu.

Bisher elf Stolpersteine

Nachdem 2012 in der Alten Steinhauser-Straße ein erster Zweibrücker Stolperstein für das Euthanasieopfer Walter Frick verlegt wurde, kamen 2019 gleich zehn Steine auf einmal in der Wallstraße 44 dazu. Sie erinnern an Mitglieder der jüdischen Familie Weis/Löb, deren Wohn- und Geschäftshaus hier stand.

Stolperstein Karlstraße 17 für Otto Escales

Nun haben die Zweibrücker Brüder Gerhard und Rainer Schanne die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen, der an den Plüschfabrikanten Otto Escales (1853 – 1939) erinnert. Als Jude wurde der ehemals angesehene Zweibrücker Bürger in der NS-Zeit entrechtet, gedemütigt und praktisch enteignet.

Für seine vormals sehr gute Integration im städtischen Bürgertum spricht, dass er und sein Zwillingsbruder Emil Mitglieder der angesehenen Casino-Gesellschaft und des Deutschen Alpenvereins, Sektion Zweibrücken, waren.

Seinen umfangreichen Immobilienbesitz, die bereits 1925 stillgelegte ehemalige Seiden- und Plüschfabrik Escales in der Karlstraße, konnte Otto Escales nicht verkaufen, da Oberbürgermeister Collofong es 1938/39 ablehnte, das Grundstück für mehr als 40 Prozent des Einheitswertes anzukaufen, was den auf dem Grundstück lastenden Schulden und den anfallenden Gebühren entsprach. Üblich war bei der Arisierung der jüdischen Vermögen in der Regel der ohnehin weit unter dem Verkehrswert liegende Einheitswert.

Eskales starb völlig verarmt bei seiner Schwester in Frankfurt/M. Nutznießer war die Stadt, die 1941 bei der Zwangsversteigerung das Grundstück außerordentlich günstig erwerben konnte. Während des Krieges brachte die Stadt in dem Anwesen Zwangsarbeiterinnen unter, die bei Dorndorf arbeiten mussten,.

Stolperstein Mühlstraße 1 für Emil und Chana Dellheim

Jean Maurice Pigeon, heute in Kanada lebender gebürtiger Zweibrücker, vielen bekannt als Mitbegründer und Motor der Städtepartnerschaft mit Barrie, hat die Patenschaft für Stolpersteine für das Ehepaar Emil (1892 – 1942) und Chana Dellheim (1898 – 1972) übernommen. Der Kaufmann Emil Dellheim betrieb in Zweibrücken eine Pferdemetzgerei, sein letzter Wohnsitz in Zweibrücken war im Mühlgässchen bei Friseur Wening. In der Reichspogromnacht vom 10. November 1938 wurde er mit andern jüdischen Männern verhaftet und im Zweibrücker Gefängnis gezwungen, sein Vermögen an Kreiswirtschaftsberater Emil Hitschler als Vertreter der Saarpfälzischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Neustadt/W. zu übertragen. Anschließend wurde er in Dachau inhaftiert.

Er ging, da er 1939 seine Metz-gerei schließen musste, in seinen Geburtsort Mutterstadt zurück. Am 22. Oktober 1940 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Chana von dort aus nach Gurs deportiert. Gauleiter Bürckel meldete nach dieser ersten planmäßigen Deportation von Juden im Deutschen Reich stolz seinen Gau als judenrein. Wie für viele andere pfälzische Juden war das südfranzösische Lager Gurs für Emil Dellheim nur eine Zwischenstation. Am 28. August 1942 wurde er mit Transport Nr. 25 nach Auschwitz gebracht, wo er ermordet wurde. Seine Frau Chana überlebte Gurs, wurde jedoch so traumatisiert, dass sie anschließend zwei Jahrzehnte in einer psychiatrischen Anstalt in Frankreich verbrachte. Sie starb nach 1972.

Die Stadt Zweibrücken unterstützt diese Gedenkarbeit gerne. Bei der Verlegung der beiden Stolpersteine begrüßte Oberbürgermeister Prof. Dr. Marold Wosnitza den Künstler Gunter Demnig und interessierte Bürger. Die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Charlotte Glück, führte in die Familiengeschichten ein. red./dos

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