Für das europäische Modell

Saarstatut und Referendum: Zeitzeuge René Wüstner aus Ensheim hat mit „Ja“ gestimmt

ENSHEIM Remigius, „René“, Wüstner gehört zu einer Minderheit. Zur Minderheit der „Ja-Sager“, also derjenigen, die am 23. Oktober 1955 für das Saarstatut gestimmt haben. Damals war er 25 Jahre alt, „politisch sehr interessiert“, und hat den Wahlkampf „sehr bewusst wahrgenommen“, erzählt Wüstner, der sich auf den DIE WOCH-Aufruf hin als Zeitzeuge zum Thema Saarstatut gemeldet hat. 67,7 Prozent der saarländischen Bevölkerung hatten damals dagegen gestimmt. Was hat den heute 85-Jährigen dazu bewogen mit „Ja“ zu stemmen? „Es hat mich inhaltlich überzeugt. Meine Idee war: Wenn das Statut angenommen wird, wird das Saarland europäisch und gewinnt dadurch. Es wären europäische Institutionen hier angesiedelt worden, was dem Saarland sehr dienlich gewesen wäre“.

Der französische Außenminister Robert Schumann hatte 1952 eine Europäisierung der Saar vorgeschlagen, da die Frage um die Zukunft des Saarlandes die deutsch-französischen Beziehungen stark belastet hatte. So ging aus den Verhandlungen zwischen dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès France 1954 als Teil der Pariser Verträge das Saarstatut hervor. Das Saarstatut sah im Wesentlichen eine Europäisierung der Saar vor. Das Saarland sollte der Leitung eines Kommissars der Westeuropäischen Union bis zu einem Friedensvertrag unterstellt werden. Saarbrücken begann mit Planungen eines städtebaulichen Ausbaus zur europäischen Hauptstadt.

Wäre für das Saarstatut gestimmt worden, hätten „verschiedene europäische Behörden, die heute in Luxemburg, Brüssel und Straßburg angesiedelt sind, (...) ihren Sitz im Saarland errichten können“, ist auf www.saar-nostalgie, zu lesen. Wüstner drückt es so aus: „Ich hätte für das europäische Modell entschieden. Denn mein Traum war, dass sich dann europäische Institutionen in Saarbrücken ansiedeln und Saarbrücken eine einflussreiche Stadt wird.“

Über die Annahme oder Ablehnung des Saarstatut sollte aber, so die Forderung Frankreichs, in einer Volksabstimmung entschieden werden.

Am 23. Juli 1955 begann der Wahlkampf. Denn ab diesem Zeitpunkt, drei Monate vor der Abstimmung – so war es im Saarstatut vorgesehen worden – sollten unter anderem die zuvor verbotenen Parteien wieder zugelassen werden. In der nun erweiterten Parteienlandschaft bildeten sich rasch zwei Blöcke heraus: Die „Ja-Sager“ als die Befürworter des Status. Das waren die Christliche Volkspartei (CVP) unter Führung des damals amtierenden Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann und die Sozialdemokratische Partei des Saarlandes (SPS) unter Richard Kirn. Die „Nein-Sager“ bestanden aus den bis zur Abstimmung verbotenen Parteien, der Saar-CDU mit Hubert Ney an der Spitze, die Deutsche Sozialdemokratische Partei (DSP) unter der Führung Kurt Conrads und die DPS, die Demokratische Partei Saar mit Heinrich Schneider als Vorsitzendem. Diese Gegner des Saarstatuts schlossen sich zum „Heimatbund“ zusammen.

Besonders von Seiten der DPS erfolgte nun eine starke nationalistische Zuspitzung der Argumentation. Das heißt, die Vertreter des Heimatbundes stellten im Falle einer Ablehnung des Statuts eine Angliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik in Aussicht – obgleich das im Saarstatut gar nicht vorgesehen war.

Wüstner betont: „Den Wahlkampf gegen Hoffmann hat im Wesentlichen Dr. Heinrich Schneider geführt. Schneider war sehr aggressiv in seiner Wahlpropaganda.“ Diese Aggressivität sei „unter aller Würde“ gewesen. Er erzählt von einem Wahlveranstaltungsabend: In der Wartburg in Saarbrücken sei er gewesen, um Johannes Hoffmann, sprechen zu hören, was ihn „stark beeindruck“ habe.

Steine fliegen

„Als ich die Veranstaltung verlassen habe, habe ich erlebt, wie vor der Wartburg Steine gegen die ‚JoHo‘-Anhänger geflogen sind. Das hat mich abgeschreckt“, sagt René Wüstner. Und diese Art Wahlkampf sei auch mit ein Grund gewesen, für das Saarstatut zu stimmen.

Der Heimatbund habe im Wahlkampf die Entscheidung „für“ oder „gegen“ Deutschland eingeführt, es sei gar nicht mehr so sehr um den Inhalt des Saarstatuts gegangen. das ja ausdrücklich eine Europäisierung des Saarlandes vorgesehen hätte.

Ähnlich steht es auch auf www.saar-nostalgie.de: „Viele Saarländer wussten damals gar nicht so recht, was eine Billigung des Saarstatuts in dem bevorstehenden Referendum für ihr Land bedeutet hätte. Sie konnten den Wortlaut zwar in den von der Regierung verbreiteten Broschüren und in der Presse nachlesen, aber wer studiert schon gerne trockene amtliche Texte. Man las lieber die bunten, teils amüsanten, teils aggressiven Handzettel, Flugblätter und kleinen Heftchen, die von den Parteien eifrig als Propagandamittel verteilt wurden.“ Auch Wüstner erzählt, am Vorabend der Abstimmung seien so viele Flugblätter verteilt, worden, „dass die Bahnhofstraße damit zu lag.“ Und er erinnert sich: „Dass das Saarland wieder Teil Deutschlands werden soll, wurde erst mit dem Wahlkampf Thema und stand dann mehr im Vordergrund als eine politische Überlegung zu den Vor- oder Nachteilen des Saarstatuts. Das war teilweise ein sehr emotional geführter Wahlkampf.“ Oft habe man gehört: „Wir waren schon immer Deutsche und wollen es auch bleiben“. Aber dem Empfinden zu folgen, sei nicht immer die klügere Entscheidung, sagt der 85-Jährige. Für ihn ist auch in der Rückschau klar: Für mich wäre ein ‚Ja‘ die bessere Entscheidung gewesen. Ob er die damals von den Saarländern mehrheitlich gefällte Abstimmung bedauert? „Nein. Als Demokrat muss man das akzeptieren, wenn man mit seiner Einstellung unterlegen ist“, betont Wüstner.

Johannes Hoffmann trat unter dem Eindruck der Niederlage zurück. Nach der Abstimmung kam es zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen, da es keine Regelung für den Fall einer Ablehnung des Statuts gab. Im Luxemburger Vertrag vom 27. Oktober 1956 einigte man sich auf die Rückgliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik zum 1. Januar 1957. Zum 6. Juli 1959 erfolgte der wirtschaftliche Anschluss.

Für Wüstner war das Jahr 1959 unter anderem das Jahr seiner Heirat. Auch beruflich hat er in dieser Zeit die Weichen für die weitere Zukunft gelegt: 1954 machte der gelernte Schreiner seine Meisterprüfung, um schließlich 1960 Berufsschullehrer zu werden.

Der gebürtige Ensheimer, der bis heute in seinem Heimatort lebt, war außerdem immer vielseitig engagiert: Unter anderem als Mitglied der CDU, in die er nach der Abstimmung 1955 eingetreten ist und in der Freiwilligen Feuerwehr. Und nicht zuletzt hat er zwei Bücher geschrieben, eines über seinen Heimatort mit dem Titel „Heimatgeschichte von Ensheim“ und eines mit dem Titel „Die Einwohner von Ensheim bis 1905, von Reichenbrunn bis 1876 und von Eschringen bis 1905“. sh

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