Flugtagunglück als Wendepunkt

Marcus Imbsweiler zu Gast beim St. Ingberter Literaturforum

ST. INGBERT Glücklicherweise standen genügend Stühle zur Verfügung, so groß war der Zustrom des überaus interessierten Publikums, als Marcus Imbsweiler auf Einladung des St. Ingberter Literaturforums (ILF) in der Stadtbücherei seinen aktuellen Titel „Achtundachtzig“ präsentierte.

ILF-Sprecher Jürgen Bost stellte zunächst den aus Heidelberg angereisten Autor vor, der zuletzt mit seinem Norwegenroman „Fjordmusik“, der humorvollen Schilderung einer Orchesterreise in den hohen Norden, in der Mittelstadt zu Gast war. Er betonte dabei die besondere literarische Qualität der im Roman „Achtundachtzig“ so sensibel gestalteten Zeitreise, die ohne Effekthascherei und Betroffenheitsperspektive auskomme. In einer souverän auf zwei Zeitebenen angesiedelten Erzählung behandelt der Autor sowohl einen ungeklärten Todesfall als auch das Klassentreffen des Abiturjahrgangs 1988 mitsamt einer gescheiterten Jugendfreundschaft vor dem Hintergrund der tragischen Ramsteiner Flugschaukatastrophe dieses Sommers: „Zum einen ist es eine Zeitreise in die 1980er Jahre, gespiegelt an der Gegenwart. Ansonsten ist es der Versuch einer Auseinandersetzung mit dem heiklen Thema ,Flugtagunglück von Ramstein’ mit den Mitteln der Spannungsliteratur,“ so erklärte Marcus Imbsweiler seine gestalterische Ausgangsposition.

Auseinandersetzung mit Flugtagunglück in Ramstein

Anhand geschickt ausgewählter Textpassagen gab der Autor mit überzeugender Mimik und Gestik, vornehmlich aber mit seiner warmen sonoren Stimme den Protagonisten seines Werks eine vitale Realität. Er führte dem Auditorium eindrucksvoll vor Augen, wie die Weltwahrnehmung der dargestellten jungen Menschen und die Aufbruchspläne der Abiturienten damals förmlich zersplitterten und traumatisierendes Entsetzen sie unvermittelt traf.

Nichts konnte für sie jemals wieder so sein, wie es einmal war. „Distanz und Respekt sind die Zaubermittel bei der Darstellung solcher im Grunde mit den Mitteln der Literatur nicht zu beschreibender Ereignisse“, stellte Marcus Imbsweiler zu seiner Vorgehensweise fest. Als entspannende Abrundung seiner Lesung, die sein Auditorium immer wieder mit einbezog, bot er noch einen positiven Ausklang. Einige Besucher konnten als Zeitzeugen noch ihr eigenes Erleben dieser so brutal endenden militärischen Show thematisieren, lang anhaltender Applaus beschloss die Lesung. Im Nachgespräch ging es besonders um die Recherchemethoden und die vielgestaltige Tätigkeit Imbsweilers als freiberuflicher Musikredakteur. Zum Abschluss der Veranstaltung kündigte ILF-Sprecher Jürgen Bost die nächsten ILF-Lesungen an: eine szenische Lesung unter dem Titel „Günter Grass – Von Blechtrommeln und Zwiebeln“ in Kooperation mit der KEB (18. November) sowie in Zusammenarbeit mit der Deutsch-polnischen Gesellschaft Saar eine Lesung mit Martyna Bunda, die für ihren Roman „Das Glück der kalten Tage“ für den höchsten polnischen Literaturpreis nominiert wurde (27. November). red./jj

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