Familienhilfe in Krisenzeiten

Familienzentrum des SOS-Kinderdorfes ist auch während der Corona-Krise weiter da

HILBRINGEN Die Corona-Pandemie hat drastische Maßnahmen erforderlich gemacht, die Familien stark einschränken: Schulen, Kitas und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, Eltern arbeiten im Homeoffice oder sind von Kürzungen der Arbeitszeit betroffen. Familien verbringen auf einmal viel Zeit miteinander in den eigenen vier Wänden, nahezu isoliert von der Außenwelt. Dies kann zu familiären Belastungen führen, gerade wenn Familien bereits vorher unter Druck standen. Für zahlreiche Kinder und Jugendliche kann dies zudem auch Gefahren bergen: Sie sind physischen und psychischen Übergriffen teilweise schutzlos ausgeliefert, so der SOS-Kinderdorf Verein.

Um Dinge wie häusliche Gewalt gar nicht erst entstehen zu lassen, helfen die Familienzentren des SOS-Kinderdorf Saar, Familien zu Hause weiterhin zu unterstützen. Benjamin Schamper, Sozialpädagoge und Mitarbeiter im Familienzentrum in Merzig-Beckingen, berichtet von der so wichtigen Arbeit des Familienzentrums: Herr Schamper, warum ist es gerade in der jetzigen Zeit so wichtig, sozialpädagogische Familienhilfe zu leisten?Nicht alle Familien besitzen die Kapazitäten, um mit der Ausnahmesituation in der Isolation angemessen umzugehen. Die aktuelle Lage kann die Situation von bereits belasteten Familien stark verschärfen.

Bei Problemen leiden besonders die Kinder

Wenn die Probleme zuhause eskalieren, leiden darunter vor allem die Kinder. Wir müssen vermeiden, dass gerade jetzt, wo erhöhtes Konfliktpotenzial in den Familien herrscht, mehr Kinder in Gefahr geraten. Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Quarantäne Maßnahmen verändert? Wir mussten das Familienzentrum für den Publikumsverkehr schließen, direkte Kontakte sind nur in dringenden Fällen möglich. Im Gegenzug haben wir unsere digitalen Angebote ausgebaut. Wir betreuen die Familien nun via Telefon und Video-Chat. Häufig bekommen wir auch Sprachnachrichten von den Kindern oder einem Elternteil. Da wir sehr viele junge Familien betreuen, die mit der Nutzung digitaler Medien vertraut sind, wurde diese Änderung auch problemlos angenommen. Dies ist sehr wertvoll, denn so können wir weiterhin in Kontakt stehen und sicherstellen, dass wir trotz Corona-Krise für die Familien da sind. Für die Kinder mit besonderem Bedarf, sind wir kürzlich wieder mit angepassten Angeboten in Kleinstgruppen oder Einzelsettings gestartet. Diese Angebote finden hauptsächlich draußen statt und beinhalten erlebnispädagogische Elemente, aber auch die individuelle Förderung bei Schulaufgaben. Unter Einhaltung aller Hygienevorgaben versteht sich.Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? Haben sich die Bedürfnisse der Familien verändert? Absolut. Gerade das Thema „Beschulung Zuhause“ ist nicht für alle Familien leicht umsetzbar. Wir unterstützen und beraten dabei, den (Schul-)Alltag sinnvoll zu strukturieren und fungieren als Ideengeber, wenn Familien ratlos sind.

Ein großes Problem ist das Thema „Langeweile“. Geschwister sitzen viel aufeinander und es kommt leicht zu Reibereien und Streit, was die Eltern vermehrt an ihre Grenzen bringt. Um dem entgegenzuwirken, haben wir verschiedene Maßnahmen entwickelt, um die Kinder positiv zu beschäftigen. Eine Mitarbeiterin entwirft täglich Spiel- und Bastelideen für unsere betreuten Familien und stellt diese zudem auf Facebook ein, sodass auch andere Familien davon profitieren. Andere Kolleginnen verteilen „Bastel Care Pakete“ an die Eltern, die es sich einfach nicht leisten können teure Bastelutensilien zu kaufen. Außerdem haben wir zu einem Mal-Wettbewerb aufgerufen. Die Zeichnungen werden dann nach der Corona Zeit bei uns im Familienzentrum ausgestellt und innerhalb der sozialen Gruppenarbeit gemeinsam mit den Kindern besprochen. Eine weitere Präventivmaßnahme für die Zeit nach Corona ist das sogenannte „Quarantäne- Tagebuch“. Hier können Familien Ihre Erfahrungen, Ängste und Problematiken eintragen. Nach der Corona Zeit möchten wir dann gemeinsam diese Themen aufarbeiten. Gibt es weitere Veränderungen?

In den letzten Wochen unterstützen wir mehr als sonst bei Kontakten mit Behörden und Ärzten, da es hier viele neue Regelungen gibt, die Erklärungsbedarf mitbringen. Viele Eltern haben außerdem Zukunftsängste und können die Flut an Meldungen in den Medien nicht angemessen differenzieren. Die Ungewissheit darüber, wie es beruflich weitergeht, gekoppelt mit der Angst vor Krankheit und Tot, kann zu erheblichen psychischen Belastungen führen.

Es ist wichtig, einfach ein offenes Ohr zu haben

Hier fangen wir Ängste auf, erklären die Mitteilungen in den Medien und zeigen auf, welche Sicherheitsmaßnahmen wie umgesetzt werden sollten. Oft ist es einfach nur wichtig, ein offenes Ohr zu haben; besonders für die Menschen, die isoliert sind. Wie können Familien, die Probleme haben mit Ihnen in Kontakt treten?

Familien, die unsere Hilfe benötigen, können sich von montags bis freitags ganztägig unter Tel. (06835) 6084444 (Familienhilfe Beckingen) oder unter Tel. (06861) 9935998 (Familienhilfe Merzig) an unsere Beratungsstellen wenden. Die Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym.

Weitere Informationen zu den Familienzentren gibt es online unter www.merzig-wadern.de/familienportal/Beratung-Angebote.ed./ti

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