Eisenwerk wird zum Pflanz-Garten

Das erste Future Lab in der Erzhalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte

Völklingen. Ein Garten am ehemaligen Erzbunker, Landwirtschaft, wo früher Rohstoffe für die Eisenproduktion gelagert wurden: Das ist eine spektakuläre Facette des ersten Future Lab im Weltkulturerbe Völklinger Hütte – ein neues Ausstellungsformat, das von nun an ein fester Programmpunkt sein wird. Die Zukunftslabore widmen sich künstlerisch-experimentell zentralen Themen der Gegenwart und Zukunft.

„In den letzten zwei Jahrhunderten haben wir Menschen die Erde nochmals maßgeblich umgestaltet. Nun bekommen wir von unserem Planeten eine offene Frage zurück: Wie werden wir in Zukunft mit den von uns verursachten Veränderungen leben? Dabei geht es nicht nur um das, was wir immer noch euphemistisch Klimawandel nennen, sondern auch um die Durchindustrialisierung der Welt vom globalen Tourismus bis zur lokalen Landwirtschaft“, erläutert Generaldirektor Dr. Ralf Beil.

Jenseits von Kulturpessimismus und Zukunftsfatalismus

Diesen und zahlreichen weiteren Fragen widmet sich das Future Lab jenseits von Kulturpessimismus und Zukunftsfatalismus mit großer Offenheit und Kreativität. „Die Völklinger Hütte als herausragendes Denkmal der Hochindustrialisierung und als zentraler Ort des Anthropozäns — des Zeitalters, in dem der Mensch durch Technik seine Umwelt massiv verändert hat — ist aufs Beste geeignet, die positiven und negativen Auswirkungen dieser gesellschaftsprägenden Entwicklung kulturell und künstlerisch zu diskutieren sowie unsere Gegenwart und Zukunft in den Blick zu nehmen“, führt Beil weiter aus.

Den Anfang im Future Lab macht die „IBA-Plant“ (bis 5. September), kuratiert vom Prä-IBA-Werkstattlabor der htw saar unter der Leitung von Prof. Stefan Ochs. Die „IBA-Plant“ stellt sich gleichermaßen ökologischen, urbanen und sozialen Fragen. Es geht um Inhouse-Farming, Aquaponik, die Erde als Garten, um Grenzräume, experimentelles Bauen und das Potential einer Internationalen Bauausstellung in der Großregion mit dem Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und der Wallonie.

Verortet ist das Future Lab in der Erzhalle, die sich in einer neuen Raumarchitektur präsentiert. Stellwände wurden entfernt und die Fenster wurden wieder geöffnet, so dass im vorderen Bereich ein großzügiger Raum mit Seitenlicht und großer Glasfront entstanden ist. Dieser wird durch einen vielseitig einsetzbaren Veranstaltungssaal mit Besuchertribüne im hinteren Bereich ­komplettiert.

Im mehrfachen Sinne des englischen Wortes „plant“ wird in der ehemaligen Fabrikhalle sowie dem Außenbereich mit der Treppenterrasse ein Lebensmittellabor gepflanzt. Gleichzeitig entsteht ein Ort, um über Zukunftsfragen nachzudenken. Gastkurator Stefan Ochs erläutert: „Das Prä-IBA-Werkstattlabor initiiert das Future Lab in der Völklinger Hütte unter dem Begriff plant, englisch für Pflanze, Gewächs, Werk, Fabrik oder Produktionsanlage. Es entwickelt einen Garten, dessen künstlerische Konzeption den Stichworten Plant-Factory, Vertical Farming, Kreislauf und Paradiesgarten inmitten der ehemaligen Stahlproduktionsanlage folgt. Das historische Industriedenkmal wird zum Inkubator, zum Ort des Diskurses und zur Prozesswerkstatt.“

Fisch- und Pflanzenzucht

In der Erzhalle und deren Außenbereich wachsen nun Gemüse, Kräuter oder Lavendel – in einer Konstruktion aus Bambusstangen, die sowohl der Logik der Vertikalen Landwirtschaft folgt als auch die Struktur der Eisenträgerkonstruktion des ehemaligen Rohstofflagers aufnimmt. Es gibt einen Arbeitergarten und es werden sogar Fische gezüchtet. Zur Anwendung kommt dabei das Verfahren der Aquaponik, das Fisch- und Pflanzenzucht miteinander verbindet, indem die Exkremente der Fische als Nährstoffe für die Pflanzen verwendet werden.

In dieser Hinsicht ist die IBA-Plant ein Labor für Lebensmittelproduktion. Das erste Future Lab in der Völklinger Hütte ist aber auch ein Ort der Vision. Das Prä-IBA-Werkstattlabor hat mit Studenten des Masterstudienganges der Schule für Architektur Saar, htw saar, die IBA-Plant gemeinsam gestaltet und aufgebaut. Zudem wurden Ideen für eine potentielle Nutzung von Brachen, ungenutzten Gebäuden und heutigen Industriestandorten der Region zusammen entwickelt — von der stillgelegten Grube Luisenthal über das Völklinger Saarstahl-Werk bis hin zur neuen Nutzung von Grenzgebäuden und Tankstellen. Und natürlich geht es um das zentrale Zukunftsvorhaben einer Internationalen Bauausstellung, die das Werkstattlabor für das Saarland und die Großregion vorbereitet.

Mit Bands und Hüttenbier

Nicht zuletzt ist die IBA-Plant auch ein Forum für Veranstaltungen, Vorträge und Debatten. Regelmäßig sprechen Experten aus den Bereichen Architektur, Umwelt, Stadtplanung oder Politik über Zukunftsthemen wie Mobilität, Essen und Trinken, grenzüberschreitende Zusammenarbeit oder das aktuelle Verhältnis von Stadt und Land. Aber es wird auch gefeiert – mit außergewöhnlichen Bands der europäischen Großregion und mit einem selbst gebrauten Hüttenbier. red./dos

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