Ein (blei)schweres mahnendes Denkmal

Schriftsetzermeister Kurt Werle hat ein Kunstwerk mit Seltenheitswert geschaf

ZWEIBRÜCKEN Schiller dichtete einst „Sehn wir doch das Große aller Zeiten/ Auf den Brettern, die die Welt bedeuten …“ Der Dichter-Fürst meinte damit die Theaterbühne oder das Theater selbst. Für den Zweibrücker Schriftsetzermeister Kurt Werle waren es keine Bretter, sondern Lettern, die die Welt bedeuteten.

Buchstaben aus Blei, die der Bubenhausener Bub und spätere Druckerei-Inhaber in allen Ausführungen und Schriftgrößen virtuos beherrschte. Wie er gedruckte Botschaften damit gestaltete, besagte Lettern kunstvoll zu Worten fusionierte und im Setzer-Werkzeug Winkelhaken zu Zeilen werden ließ, war einzigartig. Auch, wie er diese dank seiner Geschicklichkeit zu meisterhaften Kolumnen wachsen ließ.

Selbst von ihm ausgebildet, war Schriftsetzermeister Dieter Bischoff oft staunender Zeuge seiner einfühlsamen Kunstfertigkeit. Alles zusammen bündelte sich zu seiner überragenden Fach-Kompetenz in einem Beruf, der ihm jederzeit Berufung war. Noch sind die Berufsbilder der Jünger Gutenbergs nicht ganz vergessen, wenn auch – wie so viele – vom unerbittlichen Fortschritt ausradiert. Nur noch das eine oder andere Druckmuseum – auch das von Kurt Werle gegründete in Zweibrücken – huldigt der einst auch „Schwarze Kunst“ genannten Zunft, deren glorreiche Vergangenheit bis ins Mittelalter reicht.

Apropos Kunst. Dank seiner Tochter Heike konnte Kurt Werle (81) sein unerreichtes Können dennoch mit in die Gegenwart nehmen. Seine im Laufe der Zeit entstandenen Kollagen aus Buchstaben und Blei-Arrangements sind dabei Zeugnisse seiner Meisterschaft, aber auch einer Zunft-Epoche, die ein halbes Jahrtausend weltweite Kultur-Geschichte prägte.

Kurt Werles neuestes, erneut geniales Werk, gilt der Corona-Pandemie, die er beredt aussagefähig – mit totem Material künstlerisch atemberaubend dokumentiert. Einmalig dabei: in das ausschließlich rechtwinklig gegossene Blei-Material und Blei-Schriften baute er auch runde Elemente ein. Eine Fertigkeit, mit der er sich quasi über alle geltenden Typografie-Gestaltungs-Gesetze hinweg setzt. Nur Ausnahme-Könner waren und sind in der Lage, diese zu ignorieren und zusätzliche Gestaltungs-Elemente narrativ zu generieren. Diesmal sind es unter anderem Münzen verschiedener Währungen aus der ganzen Welt.

Die Kunst-Rarität – perfekt von Jo Steinmetz fotografiert – erzählt mit Material aus dem Gestern – Blei – eine Geschichte, die beklemmend in die Gegenwart und unmittelbare Zukunft führt. Wie Kurt Werle starres Material aus Setz-Baukästen zu aussagekräftigen Stil-Elementen für eine Virus-Pandemie formt, ist sowohl ein Kunststück mit Seltenheitswert als auch ein (blei)schweres mahnendes Denkmal.

Und noch etwas ist es: ein bewundernswerter Beleg seines einmaligen beruflichen Vermächtnisses. „Damit zählt Kurt Werle meines Erachtens endgültig zu den großen Druckern und Setzern in einer der ältesten Druckerstädte der Welt: Zweibrücken. Wo schon zu Lebzeiten des Jahrtausend-Mannes Johannes Gutenberg gesetzt und gedruckt wurde“, sagt Dieter Bischoff.red./dos

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