Der „Zollschreck“ bleibt unvergessen

Manfred Mayer aus Homburg erzählt aus seinen Erinnerungen an die Zeit um die Saarabstimmung

HOMBURG Manfred Mayer war 15 Jahre alt, als sich die Saarländer in einer Volksabstimmung für oder gegen das Saarstatut entscheiden konnten: „Europäisierung mit Autonomie“ oder „Heim ins Reich“.

Im Hause Mayer gab es darüber keine ernsthaften Diskussionen mehr. Der gebürtige Homburger war politisch vorgeprägt. Sein Vater Wendel Mayer war früh den Sozialdemokraten beigetreten und bis kurz vor dessen Tod 1975 Kreisbeigeordneter. Somit stand die Familie auf der Seite der „Nein“-Sager und die Parole „Der Dicke muss weg“ klingt noch heute in Manfred Mayers Ohren.

Nicht zuletzt war Kurt Conrad (SPD-Politiker aus Homburg auf Stadt-, Landes-, Bundes- und Europaparlamentsebene) auch ein langjähriger Parteifreund von Wendel Mayer und schließlich guter Bekannter der Familie. Ab Anfang der 60er Jahre wohnte Conrad in der direkten Nachbarschaft zu den Mayers in der Oberen Allee.

Saarländische Geschichte interessierte Manfred Mayer schon immer. Karten, Bücher und Berichte aus der Zeit um 1955 wie beispielsweise „Die Saar – deutsch oder europäisch“ von Dr. Heinrich Schneider, die erste Verfassung des Saarlandes sowie ausländische Zeitungsberichte und vieles mehr bewahrt Mayer bis heute auf. Aus persönlichem Interesse wie auch aus beruflichen Gründen, denn Manfred Mayer unterrichtete bis zum Jahr 2000 u.a. die Fächer Geschichte und Politik am Saarpfalz-Gymnasium.

So überlas er auch die aktuelle Reihe „60 Jahre Saar-Abstimmung“ in DIE WOCH nicht und fragte sich sogleich selbst: „Wie war das damals eigentlich nochmal?“.

„Misstrauen war zu spüren“

Eine Antwort lieferte er bei seinem Besuch in der DIE WOCH-Redaktion Homburg. „Obwohl die wirtschaftlichen Verhältnisse ja gar nicht so schlecht waren im Saarland, war viel Unzufriedenheit und Misstrauen zu spüren. Das war unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass in vielen wichtigen Positionen Franzosen saßen – wir nannten diese und die Saarländer, die von dem System profitierten, übrigens Günstlinge. Ich nenne mal beispielhaft den Militärgouverneur der französischen Besatzungsmacht im Saarland, Gilbert Grandval, oder Edgar Hector, saarländischer Innenminister im ersten Kabinett von Johannes Hoffmann. Wir haben immer das Gefühl gehabt, dass Johannes Hoffmann das Saarland verkaufen will – obwohl eine politische Angliederung ja eigentlich nicht vorgesehen war. Allerdings war die Angliederung an Deutschland laut saarländischer Verfassung auch ausgeschlossen. Ein weiterer Aspekt: In der Jugendstilvilla in der Lagerstraße befand sich die Sûrté Nationale, die französische Geheimpolizei. Das hat uns hier in Homburg sehr misstrauisch gemacht.“

Mit seinem vier Jahre älteren Bruder ließ sich Manfred Mayer so manche Kundgebung nicht entgehen. Auch hörte er sich als junger Bub mal an, was denn die „Ja“-Sager zu erzählen hatten.

Handzettel eingesammelt

Das habe ihn jedoch nicht davon abgehalten, gewisse Werbestrategien der Gegenseite sozusagen zu torpedieren, erinnert sich Mayer gern zurück. „Nun ja, die Stimmfang-Parolen mussten ja unters Volk. Es kam dann vor, dass bei Einbruch der Dunkelheit Autos durch Homburg fuhren, aus denen entsprechende Handzettel flogen. Mein Bruder und ich hatten dann nichts Besseres zu tun, als diese gewissenhaft einzusammeln und in die Mülltonne zu werfen – selbstverständlich nur, wenn sie von den Befürwortern des Saarstatutes stammten.“ Heute lacht Manfred Mayer darüber, aber er weiß noch genau: „Es war eine emotional hoch aufgeladene Situation vor der Abstimmung“.

Seine ganz persönlichen Erfahrungen machte Manfred Mayer auch im Grenzbereich nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf einem Spaziergang mit seinem Bruder und einem Freund über den Rossberg nach Kirrberg standen sie plötzlich vor einer Zollschranke. „Ich erinnere mich, dass das sehr befremdlich für mich war, als uns die französischen Zöllner abfingen. Sie hielten uns womöglich für Spione. Dabei hatten wir uns lediglich ein bisschen verlaufen bzw. nicht auf den Weg geachtet. Sie schickten uns dann aber nach eingehender Befragung wieder nach Hause.“

Und so manchem Homburger Bürger sträubten sich die Haare zu Berge, wenn sich der „Zollschreck“ am Homburger Bahnhof aufplusterte.

„Ich erinnere mich genau an eine große Baracke auf dem Bahnsteig im Bahnhof. Es gab dort eine riesige Rampe – sie kam mir zumindest unheimlich lang vor – worauf die Ein- und Ausreisenden ihre Koffer legen mussten, die dann kontrolliert wurden. Die Währungsreform hatte im Bundesgebiet dafür gesorgt, dass dort die Regale voller und die Waren besser waren. Und so sind viele Leute nach Bruchmühlbach gefahren, um dann dort einzukaufen. Gegenüber dem Bruchmühlbacher Bahnhof gab es ein Haushaltswarengeschäft – Trautmann hieß es wohl, das habe ich mir sagen lassen. Die Leute haben dort wie verrückt eingekauft. Da gab es dann einen Zöllner am Homburger Bahnhof, der wohl besonders pflichtbewusst war. Der stellte sich – sobald die Leute in den Zug Richtung Bruchmühlbach einsteigen wollten – auf die Rampe und rief laut: ‚Ihr Lidd, ihr misse nit ins Reich fahre, heit iss de Zollschreck do, der nämmt eich alles ab‘. Ich hab diesen lothringischen Sing-Sang noch richtig gut Kopf“, erzählt Manfred Mayer schmunzelnd.

Die Abstimmung 1955 fiel im Sinne der Familie Mayer aus. „Das war natürlich eine Erleichterung für uns. Trotzdem machten wir uns dann wiederum Gedanken, wie es denn wirtschaftlich weitergehen sollte. Die Verbindungen zu Frankreich waren ja sehr intensiv.“

Die wirtschaftliche Angliederung an Deutschland erfolgte erst 1959.

Zeit genug, den Zöllnern wenigstens einmal ein Schippchen zu schlagen. Mit alten Fahrrädern machte sich Manfred Mayer gemeinsam mit einem Freund Richtung Starnberger See auf. Bei Zweibrücken passierten sie die Grenze. Im Sinn hatten die beiden Abenteurer neue deutsche Räder, die sie bereits im Vorfeld organisiert hatten. Bei der Rückkehr warteten sie lediglich bis zur Einbruch der Dunkelheit. „Unsere Räder waren so dreckig. Die Zöllner haben gar nicht bemerkt, dass das neue waren“, lacht Mayer.

„Ein Prototyp eines Politikers“

Auf die Frage, wie er denn Kurt Conrad erlebt habe, antwortete Manfred Mayer: „Den Kontakt pflegte damals ja vornehmlich mein Vater. Was ich auf jeden Fall sagen kann: Er war ein Prototyp eines Politikers, wie ich ihn mir heute noch vorstelle: ehrlich und zuverlässig. Was er sagte, hatte Hand und Fuß. Seinen Worten folgten auch Taten.“ sb

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