Big Rip oder Big Bang?

Lage und Aussicht der Popkultur, Eventkultur und Kreativwirtschaft in Zeiten der Pandemie - von Peter Meyer, Vorsitzender des PopRates Saarland – Verband für Pop- und Eventkultur e.V.

Saarbrücken. Es war ein Big Crunch: Mitte März 2020 ging Deutschland in den ersten, harten, Corona bedingten Lockdown. Und die Kultur- und Eventszene erlebte auch im Saarland ein – freilich aus guten Gründen - staatlich verordnetes und organisiertes, großes Zusammenkrachen sämtlicher kultureller Aktivitäten. Das öffentliche Darstellen kreativen Outputs implodierte. Orte der Kultur, der Gemeinschaft und des Austauschs mussten schließen, kulturelles Leben zum Schutze der Gesundheit aller von Hundert auf null herunter gefahren werden.
Über Nacht mussten sämtliche Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Performances, Aufführungen und Darbietungen, Shows und Events, Happenings und Festivals gestrichen werden und zugleich fiel ein wichtiger, kreativer und junger Wachstumsmarkt in sich zusammen.
Den Künstlern fehlte und fehlt das Publikum und damit das existenziell wichtige Feedback zu ihrer Arbeit, und den Kulturorganisationsbetrieben um sie herum fehlen die Einnahmen, um deren kreativen Output inszenieren, organisieren und entlohnen zu können.
Die Kultur-, Popkultur-, Kreativ- und Veranstaltungsbranche war und ist mit ihren vielen Selbstständigen, Kleinunternehmern und Künstlern, ihren Veranstaltern und Livespielstätten-Inhabern, ihren Clubbesitzern und Eventagenturen, Versorger- und Dienstleistungsbetrieben eine der am härtesten betroffenen Branchen der ­COVID-19-Krise. Ihr wurde mit einem Schlag direkt zu Beginn der Krise die Existenzgrundlage unter den Füssen weggerissen. Besonders gebeutelt ist sie aber auch, weil sie erst lange nach dem noch nicht absehbaren Ende der Pandemie als letzte Branche ihren Betrieb wieder wird zu 100 Prozent aufnehmen können.

Eine nie dagewesene Krise

Doch der Big Chill, die Schockstarre nach dem Lockdown, war von nur kurzer Dauer. Direkt zeigte die Branche auch im Umgang mit der in dieser Dimension nie dagewesenen Krise äußerste Kreativität. Sie setzte nicht nur ihre intensive Arbeit in den Studios, den Werkstätten, Ateliers und heimischen Wohnzimmern und Kellern fort – und musste sich auch dort mit härtesten Corona-Regeln arrangieren. Sie organisierte zudem auch neue Bühnen und neue Wege der Darstellung – die es in dieser Zeit des harten Lockdowns im Frühjahr 2020 nur im weltweiten Netz geben konnte, entweder auf den verschiedensten bereits existierenden und gut eingeführten Plattformen wie Youtube oder auf eigens dafür geschaffenen Plattformen mit bewusst lokal oder regional angelegtem Wirkkreis.
Kreativste Initiativen zur Darstellung von Kunst und Musik im Netz fluteten das Internet. Auch der PopRat wählte diesen Weg, um seinen Mitgliedern für ihre Aktivitäten einen Ersatz für gestrichene Bühnen zu bieten und die Möglichkeit Einnahmen zu generieren. Mit „#wirliefernkultur“ boten wir Livekonzerte von saarländischen Szenebands im Netz gegen Eintritt, mit „fight the crisis and be ready for the after-show!“ boten wir zusammen mit der Arbeitskammer bestens besuchte Webinare, in denen wir der Szene Tools zur Bewältigung der Krise und für die Zeit danach an die Hand gaben.
Bei allem Erfolg erlebten wir als PopRat, was viele andere Kulturinstitutionen als Betreiber solcher neuen Plattformen auch erleben mussten: digitale ­Ausspielwege und die Möglichkeiten des Netzes boten eine wichtige Ergänzung zum normalen Publikums-Kulturbetrieb, konnten aber das für Künstler und Publikum so existentielle gegenseitige Riechen, Schmecken und Fühlen, den emotionalen Austausch, nicht ansatzweise ersetzen – und waren auch auf der monetären Ebene höchst selten adäquater Ersatz zur klassischen Darbietungsform und ihrer Vermarktbarkeit.

Große Welle der Sympathie

Zeitgleich mit den überbordenden Aktivitäten im Netz kamen die Solidaritätsfonds und Hilfsaktionen. Der saarländische Kulturbetrieb – dessen Not zu Beginn der Krise von der Politik nicht recht wahrgenommen wurde – durfte durch eine große Welle der Sympathie und Unterstützung durch Unternehmen, Stiftungen und Initiativen erfahren, wie wichtig er den Menschen im Land ist. So konnte der PopRat als anerkannte Szenegröße und Lobbyverband für die Kultur-, Event- und Kreativwirtschaft mit starken Partnern wie der Union Stiftung, der Oliver Elm Marketing (O.E.M.) oder der katholischen Kirche in Aktionen und Wettbewerben wie „20 x 1.000“, „20 fois 1.000“, „Rettet die Kunst!“ (alle mit der Union Stiftung), „Pop goes on“ (mit O.E.M.) und der Aktion „Künstler-Kollekte“ (mit der katholischen Kirche) enorme und dringend benötigte Summen in den saarländischen Kulturbetrieb geben, helfen Existenzen zu retten und damit auch noch kostbaren kreativen Output fördern. Und in der Zeit zwischen den Lockdowns gab es Solidaritätskonzerte und -veranstaltungen wie beispielsweise die „Schlosskonzerte“-Reihe vom Musikbüro Saar oder „Kultur im Klappstuhl“ von der Tanzschule Bootz-Ohlmann – beide in Kooperation mit dem PopRat – um die Saar-Künstler- und Veranstalterszene zu unterstützen.
Zeitgleich zur Organisation neuer Plattformen und Darstellungsformen und direkter Hilfe gab es in der Szene einen Bewusstseinswandel weg vom individuellen Kampf um die eigene Existenz hin zum Zusammenschluss, um der Kultur-, Kreativ- und Eventbranche eine Stimme zu geben und in der Politik Gehör zu verschaffen. Der PopRat Saarland war schon vor der Krise ein solcher Zusammenschluss, ein Lobbyverband für die Szene, und hat in der Krise so früh und effektiv wie kein anderer im Saarland mit seinen rund 200 namhaften Mitgliedern dafür gekämpft, dass den Kultur- und Kreativschaffenden im Land geholfen wird. Mit großem Erfolg! Oberbürgermeister Uwe Conradt folgte unserer Argumentation, dass Saarbrücken Oberzentrum auch der Spielstätten-, Kreativ- und Eventkultur ist und dass diese Szene nicht nur system- sondern auch werterelevant ist – gerade für die Landeshauptstadt. Die Folge: Er schuf bereits zu Beginn des Lockdowns einen Topf von über 120 000 Euro zur Unterstützung dieser Szene. Ausgewählt wurden die zu Fördernden erstmals über die Kompetenz einer klug zusammengestellten Jury. Beide Neuerungen, sowohl der 120 000 Euro-Topf für Veranstalter, als auch die Vergabe über Jurys, werden wohl auch nach der Corona-Krise weiter bestehen bleiben.
Zudem hat der PopRat gleich zwei inhaltsstarke Maßnahmen- und Forderungskataloge erarbeitet und der Politik und der Öffentlichkeit vorgelegt unter dem Motto: „Anerkennung – Sicherung – Klärung –nachhaltige Förderung“. Damit wurde der dringende Hilfsbedarf deutlich gemacht und der Politik eine klare Handlungsperspektive an die Hand gegeben, von Szene-Experten aus dem PopRat für die Szene konzipiert. Hier kommt uns die hohe Kompetenz und Exzellenz der PopRat-Mitglieder zugute und unsere breite Vernetzung in alle Kulturbereiche.
Und die Herangehensweise des PopRates seit Beginn seiner Existenz, die da lautet: Verlange nicht einfach nur, mach der Politik auch praktisch umsetzbare Vorschläge abseits von plumpen Geldforderungen! Die Folge: intensive Gespräche und ein mittlerweile dauerhafter Dialog mit der Kulturministerin (2,5 Millionen Corona-Mittel für die Kultur), Ministerpräsident und Wirtschaftsministerium, Gesundheitsministerium und Gesundheitsamt, Tourismuszentrale, Arbeitskammer, der DEHOGA Saar, um Mittel und Unterstützung zur Sicherung der Kultur-, Kreativ- und Veranstaltungswirtschaft zu generieren. Zeitgleich organisierten wir die saarlandweite Kampagne #ohneuns, die auf die prekäre Situation der Branche hinwies und den Druck auf die Politik erhöhte und unterstützten die Kampagne #gemeinsamstark der Veranstaltungswirtschaft, in deren Folge sich ­PopRat und Veranstaltungswirtschaft unter dem Dach des PopRates zusammenschlossen. Und den PopRäten Julian Blomann und Jens Spallek gelang es im Auftrag des PopRates in der Folge, mit Wirtschaftsstaatsekretär Jürgen Barke einen Landestopf von 1,5 Millionen Euro für die Veranstaltungswirtschaft zu verhandeln. Eine großartige und lebenswichtige Unterstützung für die Branche!
Die zwischenzeitliche Phase der leichten Öffnung zwischen den beiden Lockdowns vom Frühjahr und dem jetzt immer noch anhaltenden hat die Szene ebenfalls kreativ genutzt, um neue Veranstaltungsformen (Autokonzerte etc.) und abgespeckte Kulturevents unter strengen und teuren Corona-Schutzmaßnahmen und Hygieneregeln zu organisieren – leider ohne sich damit finanziell in irgendeiner Weise absichern zu können. Auch hier hat sich die Szene als äußerst kreativ und zugleich kooperationsbereit bezüglich der Eindämmung der Pandemie erwiesen. Die Chancen dieser Krise für den Kreativ- und Kulturbetrieb liegen in dessen Selbsterkenntnissen durch die Krise: Er war vor der Krise zu wenig organisiert und hat jetzt Stimme und Gehör in der Gesellschaft, weil er in der Krise seine Bedeutung als Kitt unserer Gesellschaft klar machen konnte. Er war zu starr in seiner Haltung und öffnet sich jetzt für neue Ideen, neue Darstellungsformen und einen erweiterten Kulturbegriff, der Künstler, Veranstalter und Livespielstätteninhaber sowie die Veranstaltungswirtschaft mit Technikern, Caterern, Security-Firmen etc. als Teile einer Einheit sieht, die ohne einander nicht existieren können und der sich gegenüber neueren kreativen Darstellungsformen wie beispielsweise Zauberei, Poetry Slam oder Phantastik öffnet – was in der Realität per Abstimmung mit den Füßen durch das ganz normale Publikum übrigens längst geschehen ist. Er war zu wenig digitalaffin und war durch Corona zur Entwicklung neuer Darstellungsformen und Plattformen im Netz gezwungen – Ergebnis: in Qualität und Quantität überwältigende Projekte der Saar-Szene im Netz.
Er war zu wenig von der Politik wahrgenommen und ist über seine Vertreter jetzt in permanentem Dialog mit der Politik, der Wirtschaft und den entscheidenden Verbänden und Institutionen des Landes. Und er wurde nie als wichtiger Markt noch Wachstumsmarkt oder gar heißer Markt für junge Zielgruppen wahrgenommen, was sich komplett geändert hat.
Als Beispiel mag hier das in 2020 entstandene PopRat-/Popkultur-Motiv der Saarlandkampagne „Großes entsteht immer im Kleinen“ dienen. Kurzum: der Druck der Krise hat zu Bewegungen und Veränderungen im Kulturbetrieb geführt, die ihm das Überleben in der Krise sichern können und ihm eine größere Bedeutung nach der Krise und Wachstum ermöglichen können.
Flexibilität in der Krise, verbunden mit harter Lobbyarbeit lohnt sich. Sie haben den Wert der Kultur-, Kreativ und Eventszene für unsere Gesellschaft deutlich gemacht, sie haben ihr Image geschärft, die Aufmerksamkeit der Politik für sie erregt, die Beschäftigung mit ihr erzwungen, zu dauerhaften Dialogen mit den Entscheidern geführt und damit zu mehr Anerkennung, aber auch zur konkreten Unterstützung und Hilfe, um diese Krise als Branche meistern zu können und die Vielfalt des ­kulturellen Lebens im Saarland erhalten und ausbauen zu ­können.
Es gilt, auch in den kommenden Monaten und bis zum Ende der Pandemie zusätzliche staatliche Hilfen zu organisieren, denn ausschließlich diese finanziellen Unterstützungen können die Buntheit, Diversität und Qualität der saarländischen Kulturlandschaft retten. Nur durch massive Landes- und Bundeshilfe in der Krise haben wir die Chance, nach der Krise einen Big Bang, ein wahres Explodieren kultureller Aktivitäten im Land zu erleben, statt eines Big Rips, dem großen Zerreisen und Verschwinden der saarländischen Kulturszene.

Eigenen Artikel verfassen Schreiben Sie Ihren eigenen Artikel und veröffentlichen Sie ihn auf wochenspiegelonline.de