Armut in den Zeiten von Corona!

Sozialberater fordern Hilfen für arme Familien

REGIONALVERBAND SAARBRÜCKEN Kevin Birk (7 Jahre) lebt mit seiner Familie (Eltern und 2 ältere Geschwister) im Regionalverband. Seine Familie lebt vom Lohn des Vaters, einem Minijob der Mutter und ergänzendem Wohngeld. Kevin weiß schon seit seiner Geburt, was es heißt, nicht mit anderen Kindern mithalten zu können. Den gewünschten „Marken-Schulranzen“ zum Schulbeginn, eine Geburtstagsfeier in einem Spaßbad, ein eigenes Zimmer für jedes Kind, Urlaub mit der Familie...das alles konnte Familie Birk sich noch nie erlauben.

Jetzt hat sich aufgrund der Corona-Krise die Situation von Kevins Familie noch weiter verschlechtert. In der 4-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung im 2. Stockwerk eines Mehrfamilienhauses ist die Ausgangsbeschränkung schwer auszuhalten. Einen Garten hat Familie Birk leider nicht. Mutter Marion hat ihren Minijob als Reinigungskraft in einer Gaststätte verloren. Vater Jürgen bangt um seinen Arbeitsplatz.

Die Stimmung zu Hause wird immer schlechter, die Eltern streiten wegen finanzieller Probleme, die Kinder haben Langeweile, die Tagesstruktur durch Schule und Nachmittagsbetreuung fehlt, die Nachbar stören sich am Lärm im Haus.

Seit der Corona Krise stellen die Sozialberater des AKKS (Aktionskreis Kindergeld und Sozialhilfe Saar), einem Zusammenschluss von Sozialberatungsstellen im Saarland, eine Verschärfung der sozialer Ungleichheit fest. Der momentane Ausnahmezustand zeigt, was schon lange in Deutschland an der Tagesordnung ist: Arme Menschen leiden in Krisen mehr und leben in einem größeren Risiko, in solchen Zeiten noch tiefer zu sinken. Die soziale Ungleichheit wächst.

Armut hat viele Aspekte, die das tägliche Leben beeinflussen. Existentielle Sorgen, schlechtere Wohnungen, Arbeit bei einer Leihfirma mit geringem Lohn, weniger formale Bildung und gesundheitliche Beeinträchtigungen treffen finanziell benachteiligte Menschen immer überdurchschnittlich oft und sind in Zeiten von Corona noch gravierender als schon vorher.

Wer jetzt (einen Teil) seiner Arbeit und damit Einkommen verliert und einen Antrag beim Jobcenter oder bei einer anderen Behörde stellen muss, hat es schwer. Beratungsstellen und Ämter sind nur eingeschränkt zu erreichen. Telefonische Beratung kann das meistens nicht ausgleichen.

Die Mitglieder des AKKs stellen fest, dass Beratung per Telefon oder mail zeitintensiv und aufwändig ist. Bescheide und Formulare müssen eingescannt und verschickt werden (viele Menschen haben keinen Scanner). Hilfe beim Ausfüllen von Formularen ist fast nicht möglich, im Namen von Ratsuchende Kontakt zum Jobcenter aufzunehmen ist sehr schwierig, wenn keine Vollmachten vorliegen (Vollmachten können nicht immer unbürokratisch und schnell vorgelegt werden) und wenn außerdem keine persönliche Vorsprache bei Beratungsstellen möglich ist.

Familie Birk will nun, da Frau Birk ihren Minijob verloren hat, einen Antrag auf den in der Presse angekündigten Notfall-Kinderzuschlages stellen. Schon die Antragstellung bereitet Probleme. Der Antrag soll online gestellt werden, aber Familie Birk hat keinen PC und auch keinen Drucker. Also können sie sich auch die Antragsformulare nicht selber ausdrucken, sondern müssen sie telefonisch anfordern. Weder Herr noch Frau Birk verstehen die Behördensprache, sie trauen sich das Ausfüllen des Antrages nicht. Auch Kopien des Mietvertrages und der Lohnzettel können sie in ihrem Wohnort nicht machen. Schicken sie die Papiere nicht mit, wird ihnen aber kein Kinderzuschlag bewilligt und sie müssen mit ihrer Familie unter dem Existenzminimum leben.

Die Politik hat schnell neue Gesetze aus dem Boden gestampft, die in der Krise helfen sollen. Unklar ist jedoch, was nach der Krise passiert. Dass momentan bei Mietschulden keine Räumungen und bei Energieschulden keine Stromsperren ausgeführt werden, hilft kurzfristig. Betroffene Menschen machen sich berechtigterweise trotzdem Sorgen, was nach der Krise passiert. Dann bestehen die Schulden immer noch, ein neuer Arbeitsplatz wurde aber möglicherweise nicht gefunden. Dann werden auch wieder Wohnungskündigungen und Stromsperren drohen.

Arme Menschen leben in schlechteren Wohnungen und schlechteren Wohngebieten. Hier Kinder bei Laune zu halten, ist weitaus schwerer als in einem Eigenheim mit Garten.

Die Bildungsbenachteiligung von Kindern aus betroffenen Familien wird sich durch Corona weiter verschärfen.

Kinder aus armen Familien haben nicht die Lern-Unterstützung zu Hause wie Kinder aus bildungsnahen Familien.

Finanzschwache Familien verfügen oft nicht über einen PC, einen Scanner oder einen Drucker. Zum E-Learning oder zum Ausdrucken der per Mail zugesandten Hausaufgaben werden die aber dringend gebraucht. Kinder mit Migrationshintergrund, die nur in der Schule Deutsch sprechen, werden wieder einen Teil ihrer Sprachkompetenz einbüßen.

Mit der Schließung von Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen fallen das kostenlose Mittagessen und die Tagesbetreuung weg. Doch auf diese Versorgung oder auch auf die Unterstützung durch die Tafeln waren viele arme Familien bisher schon vor der Krise angewiesen.

Mit dem Wegfall des kostenfreien Mittagessens für 3 Kinder und dem Ausverkauf preisgünstiger Lebensmittel durch Hamsterkäufe verschärft sich auch die prekäre Situation von Kevin Birks Familie zusätzlich.

Wer von Hartz-IV oder anderen Transfer-Leistungen leben muss, kommt damit bestenfalls über den Monat. Vorratskäufe können davon nicht getätigt werden. Wenn die ganze Welt Vorräte anlegt, kann man das mit einem gefüllten Geldbeutel leicht als unnötig abtun, als armer Mensch möchte man aber das tun können, was alle machen. Familie Birk konnte keine Vorräte anlegen. Das belastet die Eltern sehr, denn die Freunde und die Nachbarschaft vermitteln, dass man Vorsorge treffen muss für seine Familie. Zudem musste Familie Birk jetzt öfter teurere Lebensmittel und Hygieneartikel kaufen, da die preisgünstigen „ausverkauft“ waren.

Wer ein Auto hat, kann den ÖPNV und so möglicherweise auch eine Gesundheitsrisiko meiden. Arme Familien sind viel mehr auf öffentliche Einrichtungen angewiesen. Aber diese arbeiten im Moment gar nicht oder nur eingeschränkt. Wer Beratung braucht, seinen Behördenbrief nicht versteht, einen neuen Antrag stellen muss und dies nicht alleine kann, kann nur hoffen, dass er eine Beratungsstelle findet, die telefonische Beratung anbietet. Die Sozialarbeiterder im AKKS zusammengeschlossenen Beratungsstellen bieten Telefon- und online-Beratung an. Das ersetzt jedoch keine ausführliche Beratung. Einen Jobcenter-Bescheid erklären, beim Schreiben eines Widerspruchs helfen, mit Hilfe eines Sprachmittlers beraten….geht nicht online. Nur in wenigen dringenden Notfällen ist eine persönliche Vorsprache bei einzelnen Beratungsstellen möglich.

Der AKKS fordert deshalb einen „Schutzschirm“ auch für von Armut betroffene Menschen. Dies könnte z.B. eine monatliche „Sonderzahlung“ für Familien mit Transferleistungen sein. Außerdem wird eine praktikable und kostenlose Lernförderung/Lernbegleitung für bildungsbenachteiligte Kinder während der Schulschließungen notwendig.

Die Politik muss jetzt in Zusammenarbeit mit Sozialarbeiter und Selbsthilfeorganisationen Notfallpläne und Hilfsmaßnahmen initiieren.

(Familie Birk gibt es nicht real. Die Notlagen, die geschildert wurden, erleben die Sozialberater*innen des AKKS jedoch tagtäglich in der Arbeit mit benachteiligten Menschen in ihren Beratungsstellen.)

red./jb

Eigenen Artikel verfassen Schreiben Sie Ihren eigenen Artikel und veröffentlichen Sie ihn auf wochenspiegelonline.de