Angst haben vor dem eigenen Sohn

Angehörigengruppe der Psychiatrieseelsorge hilft Eltern, mit der Krankheit des Kindes zu leben

Saarbrücken. Am Anfang war die Schuld. Die Frage nach dem Warum. Das Schweigen aus Scham. Warum ist bei ihrem Sohn mit 16 eine Psychose aufgetreten? Warum sprechen Stimmen in seinem Kopf?

Als Mutter wollte Monika F. (Namen geändert) ihrem Sohn Martin doch immer ein behütetes Zuhause bieten: Einfamilienhaus im Saarland, Klavierunterricht, Besuch eines renommierten Gymnasiums. Der Sohn, bislang ein sehr guter Schüler, litt plötzlich an schweren psychotischen Phasen mit hoher Aggressivität und Zerstörungswut. Er flog vom Gymnasium, packte immerhin noch die Mittlere Reife. Dazwischen immer wieder Aufenthalte in verschiedenen psychiatrischen Kliniken. „Die Prognosen standen anfangs gut, dass die Krankheit mit Tabletten in den Griff zu kriegen sei. Doch Martin hat die Medikamente stets abgelehnt. Bis heute ist er der Meinung, es besser zu wissen als alle Ärzte und Therapeuten“, sagt seine Mutter. Dadurch habe sich die Krankheit verschlimmert. So erzählt es F. heute – 22 Jahre später. Martin ist inzwischen 38 Jahre alt. Hinter der ganzen Familie liegt ein langer Leidensweg – Ausgang offen.

Sich befreien von

den Selbstvorwürfen

Wie lebt es sich mit einem psychisch schwer kranken Kind, wie umgehen mit dessen Aggressionen, aber auch der eigenen Verzweiflung? Sich von den Selbstvorwürfen zu befreien war für Monika F. ein langer Prozess. Es dauerte Jahre, bis sie sich jemandem anvertrauen konnte und Rat bei Selbsthilfegruppen suchte. „Es tat mir unglaublich gut, mich dort öffnen zu können und zu merken, dass ich als Betroffene nicht alleine bin“, sagt sie. Doch das Leid der anderen Eltern zu hören, ziehe sie auch runter. „Ich brauche auch mal eine Auszeit, wo es nicht nur um die Krankheit geht“, sagt F.

Das ist auch der Ansatz der Elterngruppe, die die Pastoralreferentin Marion Latz vor drei Jahren gegründet hat. Latz ist seit neun Jahren Psychiatrieseelsorgerin an den Sonnenberg Kliniken in Saarbrücken und dort auch für die Seelsorge von Angehörigen zuständig. Durch ihre Arbeit ist sie zudem mit den verschiedenen Krankheitsbildern vertraut. „Die Eltern leiden enorm und das über Jahre hinweg. Die Ohnmacht, seinem Kind nicht helfen zu können, lähmt“, sagt Latz. Einmal im Monat bietet sie das Treffen an – wegen Corona inzwischen als Videokonferenz. „Natürlich sprechen wir dann auch über die Kinder und wie es den Eltern geht, das Thema lässt sich ja nicht ausblenden.“ Aber ihr sei es wichtig, in den Treffen auch immer mit Musik, Gebeten und meditativen Texten den Betroffenen etwas Gutes für die Seele mit auf den Weg zu geben.

Lange Jahre versucht, die Schuld zu kompensieren

Monika F. kann heute ruhig und sachlich über ihre Situation sprechen. „Natürlich hatte ich Schuldgefühle und habe gegrübelt, was schief gelaufen ist“, sagt sie. War es der Umzug zum neuen Partner ins Saarland, mit dem ihr Sohn Schwierigkeiten hatte? Vermisste er seine Familie in Nordrhein-Westfalen? „Aus Sicht meines Sohnes bin ich natürlich bis heute die Schuldige“, sagt sie. Lange Jahre hat sie versucht, ihre Schuld zu kompensieren: „Immer, wenn er etwas wollte, bin ich sofort gesprungen.“ Inzwischen weiß sie, dass auch die genetische Veranlagung eine Rolle bei der Erkrankung spielt. „Ich habe erkannt, dass es keinen Zweck hat, mit meinem Sohn zu diskutieren. Durch die Krankheit hält er seine Sicht auf die Welt für die Realität.“

Abgeklärt spricht sie auch über die verstörenden Ereignisse, die sie sagen lassen „Ich habe Angst vor meinem Sohn.“ In seinen Psychosen habe er die Großeltern attackiert und sie selbst zusammengeschlagen: „Er packte mich von hinten und schlug meinen Kopf gegen die Briefkästen im Hausflur.“ Die Hämatome und Platzwunden ließ sie im Krankenhaus dokumentieren und zeigte ihn bei der Polizei an. Seit Jahren dokumentiert sie jeden Vorfall.

Momente der Hoffnung in

den zurückliegenden Jahren

In den Jahren habe es immer wieder Momente der Hoffnung gegeben. „Martin wollte das Abitur auf dem Abendgymnasium nachholen und schaffte die elfte Klasse mit Spitzennoten“, erinnert sich F. Doch erschöpft davon sei er zurück in alte Muster gefallen. Aktuell sei die Situation schlimmer denn je: „Seine Singlewohnung ist völlig vermüllt und voller Ungeziefer. Er sitzt zwischen den Kakerlaken und spricht mit ihnen. Alles ist mit einem Nikotinfilm dick überzogen“, beschreibt sie die Situation. Die Möbel habe er in der Psychose zerstört, ein neues Bett, das sie ihm gekauft habe, habe er nach zwei Wochen zertrümmert. Hinzu komme der schlechte gesundheitliche Zustand ihres Sohnes. Zwar habe Martin einen Berufsbetreuer, der sich um die Finanzverwaltung und gesundheitliche Fürsorge kümmere, doch sei dies nicht ausreichend. Seit letzter Woche sei er wieder in einer geschlossenen Psychiatrie.

„Seitdem ich das weiß, kann ich etwas entspannen. Ich weiß, dass er dort einen strukturierten Tagesablauf hat, regelmäßig Mahlzeiten bekommt, dass im Ernstfall jemand zur Stelle ist“, sagt F. Sie wünsche sich, dass ihr Sohn länger in einer betreuten Einrichtung bleiben muss. Da Martin das ablehnt, müsste dies gegen seinen Willen geschehen. Doch die Hürden für einen solchen Freiheitsentzug sind hoch und müssen von einem Richter angeordnet werden.

Informationsstelle zur

Bündelung von Hilfen

Kraft gebe ihr auch ihr Wille, politisch und gesellschaftlich etwas zu bewegen, sagt F. Hier sieht sie im Saarland vieles im Argen, fordert passgenauere Hilfen. Etwa einen zeitnahen Zugang zu einem niedergelassenen Psychiater – Wartezeiten von bis zu vier Monaten seien nicht akzeptabel. Auch sollten Betroffene ihre Klinik frei wählen können. Notwendig sei auch, den Zugang zur Eingliederungshilfe zu erleichtern, und flexible, niedrigschwellige Arbeitsangebote zu schaffen, damit sich psychisch Kranke in stabilen Phasen etwas hinzuverdienen könnten. Es bedürfe einer zentralen Informationsstelle, an der alle verfügbaren Hilfen für psychisch Kranke und ihre Familien gebündelt werden. „Oft sind die Familien jahrelang auf der Suche nach der richtigen Anlaufstelle“, weiß sie aus Gesprächen mit anderen Eltern. Wie in anderen Bundesländern müsse es auch im Saarland eine unabhängige Beschwerdestelle für Patienten der Psychiatrie geben. Sie wünscht sich zudem, dass in der Öffentlichkeit psychische Krankheiten enttabuisiert werden.

Die Schuldgefühle habe sie in den Jahren hinter sich gelassen, sagt F., aber nicht die Sorge um ihren Sohn und den Wunsch, ihm zu helfen: „Er ist und bleibt mein Kind und natürlich wünsche ich mir, dass er Hilfe zulässt und zur Ruhe kommt.“

Kontakt zur Elterngruppe bei Marion Latz: m.latz@sb.shg-

kliniken.de.red./tt

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