„Der eigene Name wird etwas Fremdes." Lyriklesung „Flucht, Vertreibung und Exil“ an der Gemeinschaftsschule Marpingen

„Der eigene Name wird etwas Fremdes“ - Lyriklesung „Flucht, Vertreibung und Exil“ an der Gemeinschaftsschule Marpingen

MARPINGEN Schicksale lassen sich nicht in Zahlen wiedergeben, man braucht die persönliche und emotional geprägte Perspektive der Betroffenen. Nur so können die Situation der Menschen, ihre Ängste und Hoffnungen nachempfinden werden. Für Eva Coenen und Nicolas Bartholet, Schauspieler des „Theater Überzwerg“ in Saarbrücken, ist daher gerade die Lyrik die geeignete Textgattung, um Identifikationen zu ermöglichen. Mit ihrer Lesung „Flucht, Vertreibung und Exil“ machten sie zu Beginn der Woche auch Station in der Gemeinschaftsschule Marpingen.

Vor den rund 70 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 13 sowie interessierten Lehrern und Mitschülern weiterer Klassen gestalteten sie eine klassische Lesung von mehr als 20 Gedichten. Im Zentrum standen die Themen politische Verfolgung, Fremdheitserfahrung und Heimatverlust. Berühmte deutsche Exilautoren, so unter anderem Hilde Domin, Rose Ausländer und Bertolt Brecht, kamen zu Wort: „Aber wir…wanderten doch nicht aus nach freiem Entschluß, (…) sondern wir flohen“, so Bertolt Brecht in „Über die Bezeichnung Emigranten“. Die Erfahrung des Heimatverlustes wegen politischer Verfolgung, bei Brecht unter der Naziherrschaft, zog sich wie ein roter Faden durch die Lesung. Eindrücklich und bewegend gelang es Coenen und Bertholet, den jungen Erwachsenen die Verzweiflung, die Trauer, zuweilen auch die Resignation der Flüchtenden näher zu bringen: „Von Herberge zu Herberge…Vergessenheit…Der eigene Name…wird etwas Fremdes“, so Hilde Domin in „unterwegs“. Oder Mascha Kalèko in „Überfahrt“: „Und wenn das Schiff auf fremder See zerschellt,…wir sind einander mit dem Blut verschrieben….Wir haben keinen Freund auf dieser Welt….Es bleibt das eine nur: uns sehr zu lieb‘n.“

Gerade dieses Gedicht mit seinem Bild der gefährlichen Flucht über das Meer stellte für Eva Coenen und Nicolas Bartholet die Verbindung zur Gegenwart her: „Es sind die erschreckenden Bilder der Bootsflüchtlinge, der Tausenden von Toten im Mittelmeer, die uns dazu veranlassten, ja geradezu zwangen, diese Lesung ohne szenische und mediale Elemente, ganz schnörkellos, umzusetzen. Macha Kalèkos Gedicht steht hierbei, in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschrieben, stellvertretend für die Situation der zahllosen Flüchtlinge, die seit einigen Jahren über das Mittelmeer nach Europa flüchten.“ Dementsprechend folgten nun aktuelle Gedichte von Exilliteraten, die über das Programm „Writers-in-Exil“ des deutschen PEN unterstützt werden. Hamid Skifs „Flüchtling“ thematisiert die Kriminalisierung der Flüchtenden als Illegale. Für Itai Mushekewe ist es die Verfolgung als kritischer Journalist in seiner Heimat Simbabwe, die ihn in seinem Exilland Deutschland zur seiner „Feder“ greifen lässt: „Mit meiner Feder fürchte ich kein Schwert…Und ist sie auch die Schärfste nicht…So dringt sie doch ins Hirn der Wissbegierigen und Gerechten…Stürzt Diktatoren und lässt das Unrecht sterben.“

Einzig mit der Variation der Stimmlage und Lautstärke gelang es den beiden Schauspielern, die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten in den Bann der Gedichte zu ziehen und damit Erfahrungen und Gefühle zu vermitteln, die in bloßen Zahlen zur Flüchtlingssituation nicht zum Ausdruck kommen. Diese Betroffenheit zeigte sich in der regen Beteiligung an der anschließenden Diskussion um Inhalte, Gestaltungselemente und Übersetzungsaspekte der vorgetragenen Werke. Ganz besonders berührte die junge Leute das umfangreiche Gedicht des Chinesen Liao Yiwu, der als Teilnehmer der chinesischen Freiheitsbewegung seine Sicht auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Jahre 1989 künstlerisch und sehr persönlich ausgestaltet.

Eva Coenen und Nikolas Bartholet beendeten ihre engagierte Statements mit einem Ausblick: Noch sei es zu früh dafür, doch in einem Jahr schon würden die aktuelle Flüchtlingssituation, der Syrienkrieg sowie der immer unverhohlener geäußerte Rassismus in Deutschland und Europa auch in lyrischen Werken zur Sprache kommen. Dass diese Ablehnung und dieser Rassismus nicht mehrheitsfähig werden, dafür setzen sich beide ein. Das ist ihre Motivation, vor jungen Leuten eine ganz andere, die Innensicht auf die Flüchtenden und ihre existentielle Lebenssituation zu vermitteln. Die ungeteilte Aufmerksamkeit und die aufrichtige Betroffenheit der Marpinger Schüler lassen diesbezüglich hoffen.

Unser Leserreporter Markus Mörsdorf aus Marpingen

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